Karriere versus Abenteuer?

Karriere versus Abenteuer?

Johannes: Komplize des deutschen Hochseesports. Kapitän dieser Website. Erbe der “Generation Erdmann”.*

Das Web hat unserem Sport ein ideales Medium an die Hand gegeben. Blog, Photos, Youtube und Tracker sind unser Stadion. Es ist immer offen, 24 Stunden etwas los und der Eintritt ist frei. Außerdem können Sie mitspielen und mitreden, was es auf diese Weise in keiner anderen Sportart gibt.

Wir sind bei diesem Rennen ein kleines Team (kleiner als zu Beluga-Racer Zeiten), genau genommen ein Ein-Mann-Team im Nebenberuf: Johannes Erdmann (25 Jahre, Hamburger) füttert, pflegt und hegt unsere Website – an Wochenenden oder nach seiner Arbeit bei der YACHT, oft gegen Mitternacht. Ich bin froh, Johannes als Crewmitglied für dieses Rennen habe anheuern zu können, denn uns verbindet Wesentliches: Wir beide kennen die Unrast an Land, die Leidenschaft für das Pläneschmieden, die Notwendigkeit aufzubrechen und die Erfahrung, es gemacht zu haben.

Johannes Erdmann hat, ähnlich wie ich, von klassischer Segel- und Reiseliteratur angeregt schon in der Schulzeit Pläne geschmiedet – und ist sofort danach aufgebrochen. Entstanden ist seine individuelle Geschichte: „Allein über den Atlantik“ (Delius Klasing Verlag 2007, derzeit leider so gut wie vergriffen). Eine Geschichte unter originellen Vorzeichen, was mich stets anzieht und neugierig macht. Er hat nach dem Abitur für 6.000 Euro ein 36 Jahre altes 8-Meter-Boot bei Ebay ersteigert und ist damit elf Monate lang einhand über den Atlantik in die Karibik und weiter in die USA gesegelt. Das Boot hieß “Maverick” – im Amerikanischen ein Synonym für jemanden, der seinen eigenen Weg geht.

Wir arbeiten nun Hand in Hand und tauschen uns regelmäßig aus. Nicht nur über die Internetseite, auch immer wieder in Betrachtungen zu unseren Projekten, Plänen und Träumen: Wir sind jung – wo wird die Reise mit uns hingehen? Berufliche Karriere versus Abenteuer? Wie finden wir den nächsten Schritt? Irgendwann einmal werden wir beide, jeder mit einem kleinen Fahrtenboot und unserer Familie unterwegs sein, das stelle ich mir so vor. Damals nach dem Studium war es verdammt nicht einfach den Schritt zu gehen, sich konsequent zu entscheiden: Bewerbung im Unternehmen oder Sponsoren für Hochseerennen zu suchen. Ich blicke auf die Zeit seit dem vergangenen Jahr mit zwei wesentlichen Folgerungen zurück. Erstens: Wir jungen Leute sollten unsere Träume ernst nehmen und nicht aufschieben. Zweitens: Es macht einen unglaublich frei, sich von dem in Schule und Uni vermittelten Bild zu lösen, es gäbe eine Art “Karriereplan”, einen zu optimierenden Lebenspfad innerhalb der Trajektorie, die einem aus persönlichen Stand, der Abiturnote und dem Ruf der Uni vorgezeichnet wird. Ich sehe es so: Man geht einen Schritt – und der verändert die Ausgangslage für die nächsten: Die Kontakte, das Wissen, die Interessen, die Werte und die Ressourcen. Vor allem aber, da sich das eigene Bewusstsein auf dem Weg verändert, wäre es Unsinn, sich einem zu langfristigen Fahrplan zu entwerfen. Anders gesagt: Es ist eine große innere Freiheit, grundlegende Veränderungen zuzulassen und zu erleben. Ich glaube Johannes und ich haben mit unseren Projekten eine ähnliche Erfahrung gemacht. Man rafft sich auf, geht los – und alles verändert sich, kommt in Bewegung.

In seinen Worten aus einer Email neulich wird das Bild konkret:

„Diese Reise mit ‘Maverick’ hat mich damals total verändert. Ich kam ja gerade frisch vom Abitur, hab vier Monate nach der letzten Prüfung die Leinen losgeworfen. Wenn ich im Nachhinein die Bilder sehe, denke ich, dass es an ein Wunder grenzt, dass das alles gut ausgegangen ist. Das Boot war ja nur fürs Ijsselmeer gedacht. Es ist so irre viel unterwegs kaputt gegangen. Ich habe eigentlich permanent repariert – und so mir handwerklich ne Menge aneignen können. Aber auch sonst: Ich habe damals ja schon in html selbst gebloggt, jede Seite selbst programmiert, ohne dass ich das gelernt hätte. Ich hab viel geschrieben, viele Kontakte gesammelt, in so viele verschiedene Leben hineinschnuppern können entlang des Weges. Festgestellt, wie groß und gewaltig die Welt ist, wie traumhaft schön die See und das Alleinsein dort draußen. Ich hab mich dennoch nie einsam gefühlt. Das habe ich erst empfunden, als ich wieder an Land war und im Studium zwischen zweihundert anderen Studenten im Hörsaal saß. Die Reise hat so viele Linien in mein Leben gemalt, die langsam immer mehr ein Bild ergeben. So viele Grundsteine für meinen weiteren Weg gelegt. Verglichen mit dem, was andere so seglerisch anstellen, war das ja wirklich nur eine kleine Atlantiküberquerung – aber für mich, als Binnenseesegler aus Wolfsburg – das ganz große Abenteuer. :-)

Johannes gibt sich total viel Mühe, unter den Umständen und neben dem Job bei der YACHT das Beste aus der Website für euch und uns herauszuholen. Auch daher: bitte klickt und klickt weiter, bleibt uns treu, kritisiert und inspiriert uns mit euren Kommentaren. Ich lese hier gierig jeden Kommentar an Bord, überlese so manche Empfehlung zur Strategie (denn Routing ist ja nicht erlaubt ;-) ). Erzählt die Website-Adresse weiter, followed uns auf Twitter, werdet Facebook-Freund und –Fan, macht Werbung für uns. Das ist wichtig. Es wird unser gemeinsames Projekt. Wir segeln gemeinsam die nächsten drei Monate um die Welt und wenn wir mit euch hier, während dieses Rennens eine gute Dynamik erzeugen, stehen wir alle viel besser dar für das nächste Abenteuer: Das Vendee Globe 2012/13.  Ich freue mich auf das, was kommt und danke euch für den Support. Es macht Spaß, auch gerade weil wir diese Erfahrung hier teilen können. Kommt mit auf See. Kommt mit um die Welt. In 90 Tagen. Das eigentliche Rennen geht ja bald erst los, wenn wir im Southern Ocean ankommen. Bis dahin können wir noch mal tief Luft holen und alle unsere Freunde einladen, dabei zu sein.

Liebe Grüße,

euer Boris

(*Johannes Erdmann und Wilfried Erdmann sind eng befreundet aber nicht verwandt. Die Namensverwandschaft ist Zufall oder Schicksal – je nachdem, ob man ans Schicksal glaubt oder an den Zufall.)

Johannes ist zu erreichen unter Johannes@borisherrmannracing.com. Seine eigene Website findet ihr auf www.allein-auf-see.de.

—————

So – und jetzt zurück zum Regattageschehen … ;-)

Danke an Boris für den netten Beitrag! Hab mich sehr gefreut!

Johannes

—————

Erstmal die Topnews des Tages: Boris und Ryan liegen derzeit auf einem kolossalen vierten Platz! Etwa 50 Seemeilen hinter Mirabaud und 5 Meilen vor Gaes. “Virbac Paprac 3″ verschwand gestern im “Ghost Modus” und tauchte heute Nachmittag – wie wahrscheinlich von den meisten Lesern erwartet – im westlichen Teil der Flotte wieder auf, etwa 75 Seemeilen Nordnordöstlich ihres Rivalen “Foncia”. Jean-Pierre Dick hatte heute Morgen in der Videokonferenz gut Lachen – denn obwohl ihn diese Position nur an neunter Stelle, direkt hinter “Foncia” einordnet, so empfehlen aktuelle Wettermodelle, einen möglichst westlichen Kurs zu wählen. Damit hätten “Foncia” und “Virbac Paprec 3″, deren Boxenstopps in Brasilien viel Zeit gekostet, nun doch wieder einen Trumpf im Ärmel. Entsprechend der Wettervorhersagen wäre es möglich, dass sie das Ice-Gate bei Gough Island (mittig zwischen Kapstadt und Brasilien) mithilfe des schnell herannahenden Tiefdruckgebiet bereits mehrere hundert bis zu eintausend Seemeilen VOR der derzeit führenden “Estrella Damm” erreichen. Unglaublich, wie sich die Chancen mit einem Wetterbericht plötzlich wieder ändern können. Das ist das Faszinierende an diesem Rennen: Auch wenn die Möglichkeiten der Schiffe bereits sehr vorhersehbar erscheinen – immer wieder werden die Karte neu gemischt.

“Virbac Paprec 3″ ist zudem augenblicklich das schnellste Boot im Feld, segelt einen Schnitt von 14,2 Knoten – während der Vorsprung der erstplatzierten “Estrella Damm” durch momentane 3 Knoten Fahrt rapide abnimmt.

Die Positionierung der Schiffe sieht wie folgt aus (19.01.11, 20 Uhr):

  • 1. Estrella Damm
  • 2. Groupe Bel (Distanz zum Führenden: 37 sm)
  • 3. Mirabaud (56 sm)
  • 4. Neutrogena (103 sm)
  • 5. Gaes (108 sm)
  • 6. Renault (111 sm)
  • 7. Mapfre (133 sm)
  • 8. Foncia (133 sm)
  • 9. Virbac Paprec 3 (169 sm)
  • 10. Central Lechera Asturiana (249 sm)
  • 11. Hugo Boss (274 sm)
  • 12. We are water (317 sm)
  • 13. Forum Maritim Catala (460 sm)

————–

Medienecho:

Boris und Ryan waren gestern beim NDR zu sehen. Hier der LINK zur Sendung.

Im Radio auf 90.3 war Boris heute ebenfalls zu hören. Hier der LINK.


15 Responses to “Karriere versus Abenteuer?”

  1. Manfred sagt:

    @ Boris: Sehr schöner Bericht hier über Eure Träume, Euer Leben. Macht einfach weiter so, da kann nur Gutes bei rumkommen.
    @ Johannes: Good Job!
    @ Team Neutrogena: Smooth Sailing!

  2. Henning Rothberg sagt:

    Ich habe das Buch von Johannes auch gelesen. Ich war schwer beeindruckt von seinem Mut und seinem Ergeiz. Ich hatte in seinem Alter leider nicht die Möglichkeiten und auch keine Unterstützung. Meine Kinder sind jetzt fast Erwachsen und haben schon mehr von der Welt gesehen als ich. Immerhin planen wir führs nächste Jahrzehnt eine Ostseeumrundung.

    Boris und Ryan, ihr seid mächtig gut im Rennen. Macht weiter so.

    Gruß aus dem schönsten Segelrevier (Flensburger Förde)
    Henning Rothberg

  3. Rainer Seifert sagt:

    Hallo Boris und Ryan,
    es macht wieder richtig Spaß eine solche Weltumsegelung live im Internet zu verfolgen. Deine Berichte sind super, vor allem, weil du das drum herum und von deinen Gedanken erzählst. Das habe ich damals leider verpennt. Ich war zu sehr aufs Rennen fixiert. Deshalb sage ich jetzt nur, habt Spaß, genießt die kleinen Erfolge und verzagt nicht an den kleinen Mißerfolgen. Mir hat das Rennen damals eine neue Weltanschauung gegeben.
    Also weiter so!

  4. Volker sagt:

    Hallo Boris, hervorragend, dass die Philosophie Eures Lebens, der Weg abseits vom Mainstream, das Große und Ganze und die Freundschaft zu Johannes, der einen Top-Job abliefert, in Deinem Bericht den Schwerpunkt findet. Das waren Worte, die Dich in meinen Augen neben Deinem seglerischen und ohnehin schon bekannten literarischen Talent noch weiter aufsteigen lassen – zum Vorbild für die hungrige, intelligente und suchende Jugend diesen Jahrhunderts.

    Go East,
    Volker

    P.S. Was macht eigentlich Felix?

  5. Henning S. sagt:

    Klasse Website, starkes Team und vor allem großartiges Rennen. Guten Erfolg weiterhin! Ich bleibe mit Spannung dabei.

  6. Andreas Overbeck sagt:

    Jetzt gesellt sich die Landratte aus Madrid auch wieder in den Kreis der Bewunderer und nägelkauenden Fans. Ist das Portimao-Renne wirklich schon 2 Jahre her? Mein Gott, kaum zu glauben. Damals hast Du, Boris, diese “Abkürzung” genommen, und es sah zunächst sensationell aus, wie der Vorsprung riesig wurde, dann kam diese heisse Aufholjagd der Chilenen und am Ende waren gerade noch ein paar Meilen Vorsprung in Kapstadt übrig. Ich bin schon soooooooo gespannt, wer diesmal als Erster in die roaring 40 eintaucht.
    Euch allen, diesem besonderem Team, Segelnde und Daheim-supporter, die Ihr durch höchste Professionalität und Hingabe, aber auch durch beeindruckende Seitenblicke so sehr überzeugt, drücke ich sicherlich im Namen Aller ganz fest die Daumen. Daß Alles heil bleibe und Ihr segelnden Helden gesund, daß am Ende das Ergebnis die langen Mühen belohnen möge und daß wir, wie schon vor 2 Jahren, weiter so emsig posten.
    Gas geben

  7. Matthias Sator sagt:

    Schöner Artikel, Antwort auf die Karriere Fixiertheit zum einen und die DSDS und Dschungelcampidioten zum anderen. Für meinen Sohn 11, Optisegler und mich beginnt der Tag mit dem Besuch der Webside des Barcelona World Race und so endet er auch, wir drücken euch die Daumen.

  8. Michael sagt:

    Auch wenn ich nur (oder vielleicht gerade weil ? ) ich ein Kaffeesegler bin, verfolge ich Euer Rennen mit Spannung, schaue jeden Tag auf Deine Site und bete zu den Windgöttern. So wie es aussieht, muss ich das Letztere noch etwas intensivieren. ;-)
    Ich drück´Euch die Daumen.

  9. Christiane B. (Strackerjanstr.) sagt:

    Hi Boris! Leider ist am tracker heute morgen aus dem 4. ein 9. Platz geworden … aber das Rennen ist ja noch lang, ne?! Da kann noch viel passieren!
    Also vorwärts, habt weiterhin viel Spaß, bleibt gesund, mögen die Winde & Rasmus euch gewogen sein :-)
    Liebe Grüße,
    Christiane

  10. Ono sagt:

    Hi, Boris. Es ist herrlich spannend, morgens als Erstes nicht spiegelonline zu checken, sondern den Racetracker und Deinen Blog. Schön, dass du nicht nur Deinen Traum lebst, sondern ihn auch mit uns teilst. Danke für die tolle Zeit, die wir bei Euch an Bord sein dürfen.

  11. Thorsten sagt:

    Hi Boris,

    an dieser Stelle auch von mir ein großes Dankeschön für die täglichen Updates und spannenden Berichte. Mehrmals täglich checke ich Facebook, Twitter, Yachtonline & diese Seite hier, um auf dem Laufenden zu bleiben. Viel Erfolg weiterhin, aber vor allem ganz viel Spaß und kommt in einem Stück wieder zurück.
    Ganz liebe, rockige Grüße aus der Hansestadt
    Thorsten

  12. Volker sagt:

    Moin, Moin aus Hamburg!
    Ihr macht einen ganz großartigen Job! Bei Euch spürt man, dass jeder ehrlich mit Herz dabei ist und bei Euch kann man sehen, was ein gutes Team bewegen kann. Wir wünschen Euch, dass Ihr gesund wieder festmacht und dass Ihr weiter für Eure Träume brennt!

    Herzliche Grüße

    Claudia & Volker

    @Johannes: Wie sieht’s aus? Das wird diesen Winter bei Deinen “Rund-um-die-Uhr-Jobs” wohl nix mehr mit nem Vortrag bei uns im SVFH…lieber nächste Wintersaison?

  13. thomas schroeder sagt:

    hi!
    ohne deine literarischen leistungen schmälern zu wollen, ich liebe es ebenso, die kommentare zu lesen. wie wäre es denn mit der einrichtung eines userforums auf deiner seite? da verstopft man eure datenleitung nicht und erfährt, was ihr alles falsch gemacht habt;-) gemacht haben werdet oder was immer schon klar war.
    fanblog, find ich gut.

  14. Jochen Dubuisson sagt:

    Hi! Also das mit dem Hochseesegeln hab ich jetzt verstanden: man muss nur die falschen Diagramme weglassen! Hoffentlich ist das auch schon bei den brandneuen Prüfungsbestimmungen berücksichtigt.
    Danke für Eure Besonderheit.
    Jochen

  15. Carina sagt:

    Ungefähr seit ihr in Barcelona gestartet seid ist mein Hauptaufenthaltsort der Schreibtisch: Essays, Position Papers, Masterarbeit…

    Jeden Tag erinnert mich eure grandiose Berichterstattung daran, dass es auch noch diese “andere” Welt gibt. Dann fühle ich wieder den Wind in den Haaren, die Sonne auf der Haut und der Boden im Büro schwankt aus Solidarität ein wenig! Ich kann dann diese typischen Geräusche eines Bootes hören und sehe so viele Bilder, die sich auf ewig eingeprägt haben…

    DANKE dafür! Drücke Euch die Daumen,

    herzliche Grüße aus Aachen,
    Carina


Copyright © 2012 Boris Herrmann Racing. All rights reserved. Impressum