Malizia auf der Jagd nach Hamburg

Posted on 12.07.2018


Boris Herrmann und seine norddeutsche Crew nehmen Kurs auf ihre Heimatstadt Hamburg. Die Atlantic Anniversary Regatta von Bermuda nach Hamburg bietet einen spannenden Kampf. Aktuell auf Platz 2 kämpft Malizia gegen Varuna um Platz 1.

Welche emotionalen Momente das Leben auf der Malizia hoch im Norden bieten, erfahren wir in Boris eindringlichen Bericht live von Bord der Malizia:

“Tag xyz… Wen du auch fragst, in der Mannschaft weiss keiner mehr das Datum, den Tag im Rennen oder die Tageszeit… Wir sind in unserer kleinen Welt von 12 Quadratmetern mit 5 Männern. Da sind wir nun also. Wie erwartet, hoch im Norden auf den Great Banks. Vor zwei Tagen haben wir uns nach etwas Kühle gesehnt, nun sind meine Finger fast zu steif zum Tippen vor Kälte. 

Konstant schlagen Kaskaden von Gischt über das Cockpitdach und überfluten das Heck. Wir schauen unter unserem Dach zu, schauen immer zu nach Hinten, in den von Gischtkaskaden unterbrochenen Anblick weissen Nebels, eines hellen Nichts. Es ist dieser dünne Kaltwassernebel nur am Boden. Man ahnt sehr gut die Sonne, eine diffuses, grellweisses Licht, wie auf einem Berggipfel beim Skifahren.

Wir haben ein Match. Varuna ist eine fixe Referenz für uns, die wichtigste fast. Dank ihnen fühlt es sich wirklich wie eine echte Regatta an. Ohne sie hätte ich es wesentlich gelassener gesehen, vorhin gezwungen worden zu sein, einer Ölbohrinsel auszuweichen. Das erklärt diesen Zacken in unserer Kurslinie auf dem Tracker. Ganz geschafft haben wir es nicht in Luv, also mussten wir Halsen, ein herber Verlust von 10 Meilen.

Es geht überwiegend vor dem Wind voran. Wären die Winkel zum Wind spitzer, könnten wir denke ich an Varuna vorbeiziehen. Aber wir kennen natürlich das Potential des gegnerischen Schiffes nicht, können nur mutmassen und haben natürlich Hoffnung irgendwo unsere Chance zu finden. Allerdings sieht die Vorhersage nicht vorteilahft für uns aus: alles VMG running, also quasi vor dem Wind Kreuzen. Bedingungen, über die man sich normalerweise freuen würde, doch auf diesem Kurs sind wir wohl gleich schnell, oder Varuna etwas im Vorteil.

Innerhalb von 24 Stunden ging es von Barfuss und Shorts auf Schlafsack und Mütze, von 33 Grad auf 9 Grad Wassertemperatur. Nur 150 SM also 10 Stunden entfernt schwimmen Eisberge.    

Unsere deutsche Mannschaft ist wohlauf, geht geruhsam, man könnte auch sagen stoisch ihrem Rhythmus nach und fügt sich den Bedingungen, den ruppigen Bewegungen, der einziehenden feuchten Kälte. Es gab zwei Stürze unter Deck mit kleineren Kratzern und einem kleinen Schnitt, eine Warnung, sich immer festzuklammern. Dieses abrupte Stoppen in einer Welle kann jederzeit passieren.

Oft sehen wir 25 Knoten auf dem Speedometer. Beim Versuch, einzuschlafen denke ich an ein Video von Alex Thomson, in dem er vom „Mighty Bang“ spricht. Ich hoffe diesen berühmten Schlag, vor dem wir uns irgendwie immer fürchten, wird nie kommen. Ein Stück Holz, ein Fisch, ein Baumstamm… Rambler ist ein herber Verlust für das Rennen. Crew und Eigner waren gut vorbereitet und haben viel investiert, es ist sehr unfair das Flaggschiff dieses Rennens so früh ausscheiden zu sehen, aufgrund von Treibgut und Ruderschaden.

Man erlebt intensiv aber es ist die Reizarmut, die den Tag prägt. Man denkt, wie es wohl den anderen Schiffen geht, welches Segel wohl Varuna benutzt, Wie ist die Stimmung auf Dantes und High Yield, auf der Red? Wir kennen ja viele der anderen sehr gut und man würde zu gerne mit seinem Smartphone einmal einen Blick in deren Cockpit werfen.

In diesen Zeiten abgeschnitten zu sein, ist eigenartig. Was machen die World News? Trump und die Nato? Wir haben einen Freund in Hamburg gebeten, uns wenigstens das Minimum zu schicken, einmal am Tag ein paar Headlines. Sonst fängt man an, sich zu fragen, ob es jenseits dieses dichten Nebels da draussen überhaupt noch eine Welt gibt.

Apropos, die strenge Anweisung zum Ausweichen vor der Ölplattform kam von einer Frauenstimme. Was hat die wohl 300 Meilen vor Neufundland da raus verschlagen ins ewige eis und Nebel?

Aktuell kleiner Gennaker C6 und 1 Reff im Gross. Sendet uns weiter gute Winde!”

 

1 Comment

  1. Hey Team Malizia
    Vielen Dank für die Eindrücke von Bord! Das besondere da draußen ist da draußen zu sein!! Weg von alle dem hier in der sonst so großen Welt, wo wir meinen überall dran teilhaben/teilnehmen zu müssen!
    Eure Zeilen, Euer Projekt sind/ist so klasse und bringt mich zum gedanklichen Ablegen! Dabei sein! Danke das Ihr mich, uns alle so daran teilhaben lasst :-)
    Fair Winds an Safe Trip to all of you!!
    Bernd Dreier

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