Mentale Erschöpfung

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Mentale Erschöpfung

Silvester 2010 sind wir gestartet. In 2011, diesem aktuellen Jahr, war ich noch nicht ein einziges Mal an Land, hab ich mich noch nicht in einem Sofa zurückgelehnt und fern gesehen, noch kein Bier getrunken, keine frische Mahlzeit verspeist. Nie still gesessen, nie länger als vier Stunden geschlafen. All das ging mir durch den Kopf, als ich vorhin einen kleinen Videogruss für den NDR-Sportclub aufgenommen habe: „Liebe Zuschauer …“ Wann werde ich mal wieder fernsehen, dachte ich dabei.

Nun, es wird wirklich Zeit, dass wir ankommen. Seit dem Äquator hat sich meine Wahrnehmung der Zeit auf See (bald 90 Tage) verändert. Es ist dumm, zu sehr ans Ankommen zu denken, aber es war seit langer Zeit so ein innerer Meilenstein: Nach der Rückkehr in die nördliche Hemisphäre ist es ja nur noch ein Katzensprung, dachte ich immer. Doch nun realisieren wir, dass uns hier noch eine weitere, echte Hürde erwartet. Die kommenden 2.500 Seemeilen von hier bis Gibraltar laufen genau gegen den Passatwind. Und anders als bei allen anderen Teilstrecken ist dieser Wind stetig, es besteht also keine Hoffnung auf einen Winddreher. Normalerweise haben wir immer Spannungsbögen von drei bis vier Tagen: Die Passage eines Tiefs, das Erreichen eines neuen Icegates usw. Doch hier haben wir nun fast 14 Tage monotone, anstrengende Amwindbedingungen (hoch am Wind kreuzen). Und wer sich im Segeln etwas auskennt, weiß, was Kreuzen bedeutet: Doppelte Strecke, vierfache Zeit und zehnfache Belastung. Das Schiff kracht unerbitterlich in die Kurze Passatwindwelle, bei jämmerlicher Geschwindigkeit und einem Winkel bis zu 50 Grad vom direkten Kurs abweichend – denn aus der Richtung in die wir wollen, bläst nun einmal der Wind.

Wie ein Knüppel ins müde Kreuz fühlt sich das an: Die innertropische Konvergenzzone, die Flauten am Äquator waren extrem hart, kochend heiß, windstill und voller Gewitterböen. Wir sind kaum Vorankommen, haben drei Tage gegenüber unserer erwarteten Zeitrechnung verloren. Dann diese zwei Wochen Amwindknüppelei im Ausblick, anstatt zehn Tagen schnellem Amwindsegeln, wie wir erwartet hatten. Beides bedeutet, dass wir irgendwie sechs Tage mehr Proviant zusammenkratzen und unsere Tagesrationen neu aufteilen müssen. Aus den bisher 800 Gramm pro Person und Tag ist aber nicht viel weg zu rationalisieren. Ab jetzt werden wir also Hungern. Und zu guter Letzt, ist es wie in einem Auto zu fahren, dass sich nicht in den 5. Gang schalten lässt: Wir können unseren Schwenkkiel, der maßgeblich für Power und Geschwindigkeit sorgt, nicht ganz nach Luv schwenken. Die beiden Konkurrenten “Renault” und “Estrella” könnten wir wahrscheinlich einfangen, wenn dieses Problem nicht wäre. Wir könnten mit um den dritten Platz kämpfen – aber mit diesem Problem können wir nur zusehen, wie “Estrella” langsam davon zieht.

Nun gut. Ich bin froh, dass wir noch im Rennen sind, dass wir an unserem erhofften fünften Platz liegen, halbwegs vorankommen, halbwegs gesund und halbwegs munter sind. Halbwegs bedeutet: Ich fühle mich schlapp, mental und körperlich. In dem bockenden, schrägen Schiff herumzuklettern verlangt mir alle Anstrengung ab, meine Muskeln schmerzen beim Winschen, es geht halb so schnell wie normal. Ryan ist mager wie ein Häftling.

Doch was sind schon zwei Wochen im Leben. Durchhalten! Weitermachen! Gute Laune verbreiten! Wenn an Bord einer anfängt zu jammern, ist das der Anfang vom Ende. Wir lassen uns nichts anmerken.

Liebe Grüße
Euer Boris

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Zwei Mitschnitte der letzten Videokonferenz und ein Video aus einem Regenguss in den Doldrums:



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Zwischenstand beim Barcelona World Race am Montag (28. März, 0.10 Uhr):

1. Virbac-Paprec 3: Jean-Pierre Dick / Loïck Peyron (beide Frankreich) noch 1.371 Seemeilen
2. Mapfre: Iker Martínez / Xabi Fernández (beide Spanien) 243 Seemeilen zurück
3. Renault: Pachi Rivero / Antonio Piris (beide Spanien) 1.069
4. Estrella Damm: Alex Pella / Pepe Ribes (beide Spanien) 1.228
5. Neutrogena: Boris Herrmann / Ryan Breymaier (Deutschland/USA) 1.263
6. GAES: Dee Caffari / Anna Corbella (Großbritannien/Spanien) 1.825
7. Hugo Boss: Wouter Verbraak / Andrew Meiklejohn (Die Niederlande/Neuseeland) 3.342
8. Fòrum Marítim Català: Gerard Marín / Ludovic Aglaor (Spanien/Frankreich) 3.881
9. We are Water: Jaume Mumbrú / Cali Sanmartí (beide Spanien) 5.644
10. Central Lechera Asturiana: Juan Merediz / Fran Palacio (beide Spanien) 10.179
Mirabaud: Dominique Wavre / Michèle Paret (Schweiz/Frankreich) aufgegeben mit Mastbruch
Président: Jean Le Cam / Bruno García (Frankreich/Spanien) aufgegeben mit Mastbruch
Foncia: Michel Desjoyeaux / François Gabart (beide Frankreich) aufgegeben mit Mastbruch
Groupe Bel: Kito De Pavant / Sébastien Audigane (beide Frankreich) aufgegeben mit Kielschaden


65 Responses to “Mentale Erschöpfung”

  1. Frank V. sagt:

    Moin aus dem sonnigen Oldenburg….. Bald ist es geschafft…. und die Bierkutsche ist nicht weg. Und auf der KiWo biete ich mein wohnliches Schiff mit Dusche, Kühlschrank (gefüllte) und breiten Kojen an…www.fragle.de ,–)) Gruss Frank

  2. neptune sagt:

    Alle “Kraft” der heimischen Sofasitzer für Euch!Wir sitzen Alle auf dem Sofa und hoffen das endlich die Saison beginnt um aufs Wasser zu kommen und Ihr wünscht euch langsam mal wieder ein Sofa aus der Nähe zu sehen…..hier ist die “Kraft” der heimischen Sofasitzer die sich nichts mehr wünschen als Euch auf dem mind. 5. Platz zu sehen…..und eigentlich würden wir alle gerne mitsegeln und hier und da beim “kurbeln” helfen, wenn es mal eng wird…..life is too short for long faces! Wir segeln ALLE mit:-)
    Nep tune

  3. Jens sagt:

    Männer,

    Ihr seid jetzt schon Helden. Und auch, wenn Ihr keine Chance habt, die Bierdose einzuholen – nutzt sie trotzdem.

    Ich bin jeden verdammten Tag bei Euch. Und mein Bootsbau geht auch langsamer voran als erhofft. Bis zu Eurer Ankunft bin ich garantiert nicht fertig. Und zum Ansegeln muss ich immer noch den alten und abgerittenen Hobie-Tiger mit dem klemmenden Traveller, der kaputten Rollfock-Trommel und den teilweise fehlenden Cunningham Blöcken von meinem Verleiher nehmen.

    Also heult Ihr mir nicht auch noch die Ohren voll ;)

    Gruß
    Jens

  4. Uli_Sued sagt:

    Hey Boris,

    ich löse Dich ab! Wo soll ich hinkommen?

    Ahoi! Uli

  5. jorgo sagt:

    Hi Boris, hi Ryan ich beame Dir Energie! Denkt an die armen Japaner… dann fühlt Ihr Euch gleich besser! LG Jörg

  6. Peter N. sagt:

    Los Jungs, Tampen zwischen die Zähne und angreifen! Tröstet euch – mit gleichen Waffen sähen alle anderen ziemlich blass gegen euch aus – und alle sehen das! Ihr haltet Estrella immer noch (klasse!) und sogar Renault kann noch längst nicht vor euch sicher sein. Die bessere Höhe die ihr lauft wird sich noch auszahlen. Die anderen beiden müssen schliesslich erstmal wieder Ost machen – und dann kommt ihr! Also – wach bleiben und schön weiter fein tunen – der Apfel ist noch längst nicht gegessen! Beste Grüsse aus Hamburg
    Peter

  7. Stefan sagt:

    Hi Boris & Ryan!

    Auch Ryan schreibt tolle Artikel!

    http://www.breymaiersailing.com/index.php?option=com_lyftenbloggie&view=entry&year=2011&month=03&day=28&id=54%3Atrades-and-some-upwind-sailingfor-a-change&Itemid=4

    Es ist interessant, wie er beschreibt, warum ihr höher am Wind fahrt, als die anderen und warum ihr auf den “Schrick” in den Schoten verzichtet. Ich finde, das sieht auf dem Tracker richtig gut aus!

    Viel Speed und Glück weiterhin,
    Stefan

  8. Jogi & Goran sagt:

    Hallo Boris, Hello Ryan,
    nun sitzen wir hier vor unseren Monitoren, Eure sesselpupsenden Fans. Die meisten segeln wohl auch, aber was ein solches Rennen der Crew abverlangt, kann sich von uns mit Sicherheit keiner vorstellen.
    Respekt und Hochachtung!
    Ihr habt den dritten Platz wirklich verdient! Wir drücken alle verfügbaren Daumen, dass es Euch doch noch gelingt. Aber den fünften Platz ansagen und ihn dann auch wirklich halten, soll erstmal einer nachmachen.
    Wir wünschen Euch alle 100 Meilen eine schwimmende Dönerbude auf dem letzten Stück bis Barcelona.

  9. Frank V. sagt:

    Mühsam er(segelt) sich das Eichhörnchen…. Ab in den Ghost Modus und vorbei…. die wachen morgen auf und weg seit ihr :-) ). LG aus dem immer noch sonnigen OL… Frank

  10. Studentischer Regatta Verein Greifswald sagt:

    Tröstet euch, ihr dürft wenigstens segeln. Bei der 505er WM sieht das ja ganz anders aus. Platz 5 scheint ja sicher, und nach vorne ist sicherlich noch was drinn. Wir gehen dann mal unsere OK Jollen abschleifen. Nächste Woche Regatta.
    Weiterhin viel Erfolg.
    Grüße aus der Mensa.

  11. Jörn sagt:

    Moin Ihr Helden,
    das geht doch in die richtige Richtung:-)
    Respekt!!!
    Nur jetzt nicht nachlassen und den Druck auf die Beiden schön weiter erhöhen.
    Ihr könnt nur noch gewinnen!!!!
    Achtet auf euch und das Schiff.
    Gruß von der Nordsee

  12. gerhard Brandes sagt:

    egal welchen Platz Ihr belegt, das ist eine Super Leistung.
    Seit Silvester auf See, auf einer Hochleistungsyacht und ohne Stop. Alle Achtung! Dafür habt Ihr eigentlich das Bundesverdienstkreuz verdient.
    Ihr schaft das!

  13. Alexa sagt:

    Boris, das klingt nicht gut! Haltet durch, ihr habt schon viel geschafft, denk an das Grillen im Garten, Ryan kannst du mitbringen, den päppeln wir auf! Irgendwie seid ihr auch ganz schön verrückt! Ich drück euch die Daumen, passt auf euch auf!
    Liebe Grüße
    Alexa

  14. Christiane B. (Strackerjanstr.) sagt:

    Moin Moin!
    Ihr seid echt toll!! Der tracker zeigt, (UTC 18.30) daß Ihr mit Eurem lädiertes Boot dennoch schneller seid als die zwei vor Euch! Super! Weiter so u lieben Gruß,
    Christiane

  15. Peter N. sagt:

    Moin Männer – musste gerade lauthals lachen als ich einen Blick auf den Tracker (UTC 2100) geworfen habe. Da robben sich die Kerle doch schon wieder ganz still und leise an die Bierdose heran – ihr seid echt unglaublich ;-) Wenn ihr so weiter macht springen die beiden noch vor Verzweifelung über Bord – und wir alle vor Spass und Spannung über die Kaimauer :-0)
    Grüsse aus Hamburg
    Peter


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