Boris Herrmann diesmal Nonstop um die Welt

Posted on 02.01.2011


BARCELONA. Das Sportjahr 2010 endete Silvester mit dem Start zum zweiten Barcelona World Race, eine der härtesten Regatten einmal um die Welt, zu zweit und nonstop. Mit Boris Herrmann ist erstmals überhaupt auch ein Deutscher dabei. Der 29-jährige segelt mit Ryan Breymaier (35) aus den USA die knapp 20 Meter lange Hochseeyacht „Neutrogena“. Im Feld der 14 internationalen Top-Crews gilt das Duo als Außenseiter. Nach zwei Tagen lagen Herrmann/Breymaier am Sonntagmorgen (2. Januar) auf Rang neun, 30 Seemeilen hinter den führenden Franzosen Michel Desjoyeaux und François Gabart auf der „Foncia“. Die weitere Strecke führt durch die Straße von Gibraltar über den Atlantik ums Kap der Guten Hoffnung an Australien und Neuseeland vorbei rund Kap Hoorn zurück nach Barcelona. Dort werden die Teams ab Ende März erwartet.

Der Jahreswechsel war für Boris Herrmann im wahrsten Sinne des Wortes flau. „Nach dem sehr emotionalen Abschied von unseren Freunden und Verwandten hatten wir einen guten Start, sind inzwischen aber in ein Flautenloch gefahren“, berichtete der Skipper in der letzten Stunde des alten Jahres live im Radio auf NDR 90,3. Zu dem Zeitpunkt waren alle Konkurrenten noch in Sichtweite und ebenfalls eingeparkt. „Mitternacht spielt für uns hier draußen keine Rolle“, so Herrmann weiter, „mein Co-Skipper wird sich dann bei einem Nickerchen etwas ausruhen, und ich schiebe halt Wache. Aber die Stimmung ist auch ohne Champagner ausgezeichnet.“

Auch die zweite Nacht auf See schlief der Wind auf dem Mittelmeer wieder ein. „Es war kalt draußen und unwirtlich. Das Beste am Abend blieb unser spanisches Dinner“, schrieb Breymaier von Bord. Nach und nach bekamen die ersten Schiffe im Morgengrauen wieder eine frische Brise, von der die „Neutrogena“ profitierte und Boden gutmachte. Das Feld zog sich inzwischen auf mehr als 100 Seemeilen auseinander und die Konkurrenten gerieten außer Sichtweite. Die Windvorhersagen verheißen für die kommenden Tage wenig Besserung. Eine Hochdruckbrücke liegt über der iberischen Halbinsel und bietet kaum Luftdruckgegensätze. Es soll mindestens die Straße von Gibraltar hindurch aber auch danach noch ein taktisch geprägtes Rennen bei schwierigen Bedingungen bleiben.

Trotz regnerischen Winterwetters bei zehn Grad Celsius hatten sich rund hunderttausend Spanier am Silvestertag aufgemacht, um den Start in der katalanischen Hauptstadt vor Ort zu verfolgen. 350.000 waren es insgesamt in den Tagen zuvor, die das Regattadorf in der Barceloneta besucht hatten. 450 Boote begleiteten die Rennziegen mittags auf dem Wasser. Virtuell segelten nach dem Starttag beim offiziellen Barcelona World Race-Spiel schon 18.000 Benutzer im Internet unter www.barcelonaworldrace.org mit. „Die Begeisterung der Einheimischen für unsere Herausforderung ist großartig“, freute sich Boris Herrmann, „aber auch aus der Heimat habe ich ungezählte Emails, Anrufe und Zuspruch erhalten.“

Die engsten Vertrauten waren persönlich zum Start gekommen, allen voran Heide Härtel-Herrmann aus Köln. „Meine Sorgen und Ängste sind nur vordergründig, tief in mir drin bin ich stolz und froh, dass mein Sohn seinen Jugendtraum so konsequent verfolgt hat und nun verwirklich“, meinte die mutige Mutter. Was genau sie im letzten Moment noch mit auf die Reise gab, bleibt der gehobenen elektronischen Unterhaltung des Hochseeseglers vorbehalten. „Ich schicke Boris dann und wann auch Nachrichten und Informationen zum Geschehen im Rest der Welt“, erzählte die Mutter, „er will auch in der Abgeschiedenheit des Ozeans immer wissen, was los ist.“

„Ich kann und will das wahre Leben gar nicht ausblenden, auch wenn das unterwegs nur in der Freizeit möglich ist“, sagt der in Hamburg studierte Diplom-Ökonom. Dazu bleibt freilich nicht viel Zeit an Bord. Zu zweit ist der Aufgabenkatalog rund um die Uhr lang. Breymaier hat die mechanischen Systeme unter sich, Herrmann die elektronischen. Navigieren und Segel trimmen sowie wechseln müssen sie beide, nur gesteuert wird die IMOCA Open 60-Yacht meist vom Autopilot. „Wir haben beide eine Fernbedienung am Handgelenk und können auch vom Vordeck und sogar aus dem Mast Ruder legen“, erklärt Herrmann, warum schon bei Start niemand an der Pinne war.

Ganz nebenbei sind beide auch Smutje, kochen entsalzenes Meerwasser auf, um die gefriergetrocknete Tütenmahlzeiten aufzulösen. Für 13 Wochen haben sie gebunkert, also 91 Tage. „Noch haben wir etliche frische Sachen in der Kombüse. Die Speisekarte wird dann in der zweiten Woche allmählich karger, das schmeckt dann aber trotzdem gar nicht so schlecht“, schmunzelt der geborene Oldenburger, gerade so als wenn er fern der Heimat gar nichts vermisse.

Dass der funkelnde Stern am Firnament der deutschen Hochseeszene die nächsten drei Monate doch ziemlich vermisst werden wird, davon zeugen etliche ganz ehrliche Tränen am Steg. Als das Team die Leinen endgültig loswarf, weinte nicht nur Himmel über Barcelona. Äußerlich ruhig, geradezu relaxt hatte Boris Herrmann versucht, nicht zu viele dieser Emotionen an sich heran zu lassen. Der Segelprofi, der 2009 bereits mit Felix Oehme auf einem kleineren Boot eine Weltregatta in Etappen gewann, ließ keinerlei Zweifel aufkommen, dass er seinem erneuten Karrieresprung zu hundert Prozent gewachsen ist. Sein größtes Ziel wartet 2012: Die Einhandregatta Vendée Globe, solo nonstop um die Erde!
(Ende)

Der Zwischenstand der Regatta mit den genauen Positionen der Teilnehmer ist mit Hilfe eines Fleettrackers im Internet unter www.barcelonaworldrace.com oder www.borisherrmannracing.com zu verfolgen. Fünfmal pro Tag werden die Positionsmeldungen über Satellit aktualisiert, und jeweils gegen 5, 9, 13, 17 und 21 Uhr deutscher Zeit veröffentlicht. Täglich gibt es per Email einen aktuellen Bericht von Bord, mindestens einmal wöchentlich Fotos und ein Video von Boris Herrmann und Ryan Breymaier unterwegs.

Weitere Informationen und während des Rennens aktuelle Positionsmeldungen:
www.barcelonaworldrace.org
www.borisherrmannracing.com
www.breymaiersailing.com

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