Konfuse See statt Rauschefahrt

Posted on 12.02.2011


BARCELONA. 42 Tage nach dem Start des Barcelona World Race rund um die Welt hat sich das Teilnehmerfeld in Zweiergrüppchen und Einzelboote unterteilt und schon fast 7.000 Kilometer auseinander gezogen. An der Spitze segeln die Franzosen Jean-Pierre Dick und Loïck Peyron auf der „Virbac-Paprec 3“ südlich von Australien weiter ein einsames Rennen rund 500 Seemeilen (knapp 1000 km) vor zwei spanischen Verfolgern. Der deutsche Boris Herrmann verlor mit Ryan Breymaier (USA) und der „Neutrogena“ zuletzt auf die Schweizer „Mirabaud“ von Dominique Wavre/Michèle Paret auf Rang sechs etwas an Boden und lag Donnerstagvormittag 110 Seemeilen zurück. Die Nonstop-Regatta für Zweimanncrews von Barcelona nach Barcelona dauert drei bis vier Monate.

Von ihrem Knockdown in der Vorwoche, als Wasser ins Schiff eingedrungen war und ein über Bord gegangenes Segel gesucht werden musste, erholen sich Herrmann und Breymaier erst nach und nach. „Die Aktion hat enorm Kraft gekostet, zumal es danach einiges aufzuräumen und zu reparieren gab“, berichtete der geborene Oldenburger aus dem Südpolarmeer, das außerdem nicht halte, was es versprochen habe. „Die See ist ständig konfus, von rollenden Schwell des Southern Ocean mit Rauschefahrt keine Spur“, schrieb Breymaier in seinem Tagesbericht. Folge: Die Crew muss viel Ruder gehen, da die Selbststeueranlage (Autopilot) das unruhige Wellenbild nicht vernünftig aussteuern kann. „Kennt jemand einen guten Chiropraktiker in Wellington? Den brauchen wir nach all dem Steuern“, fragte der Amerikaner scherzhaft im Hinblick auf die bevorstehende Passage der Cook-Straße, an der die Hauptstadt Neuseelands liegt. Doch dort ist erst Halbzeit ohne Pause der Regatta.

Als die „Neutrogena“ am Mittwoch (9. Februar) am Rand eines Hochdruckkeils in schwächerem Wind hängen blieb, zog der direkte Gegner davon. „Es sind oft nur wenige Seemeilen Distanz der Positionen, die einen großen Unterschied in den Windverhältnissen und damit im Fortkommen machen“, so Herrmann, „und für uns war es einmal mehr zum Haare ausraufen.“ Mit der Annäherung eines Tiefdruckgebiets nahm das Team Donnerstag wieder mehr Fahrt auf und hofft, bis zum Wochenende die imaginäre Linie vom Kap Leeuwin (Australien) zu passieren. „Und wir kämpfen weiter um jeden Meter“, versicherte das Duo.

Am spannendsten ist der Zweikampf auf den Plätzen direkt hinter der „Neutrogena“. Die einzige reine Frauencrew der „GAES“, Dee Caffari und Anna Corbella aus Großbritannien und Spanien, hatte weitere 500 Seemeilen zurück nur noch 7,7 Seemeilen Vorsprung auf die „Hugo Boss“ mit Wouter Verbraak / Andrew Meiklejohn (Die Niederlande/Neuseeland). Vorne verlor die französische „Groupe Bel“ von Kito De Pavant und Sébastien Audigane den Anschluss an die Podiumsplätze. Nachdem beide Spinnaker zerrissen sind, wird bereits über einen 48-stündigen Reparaturstopp in Neuseeland spekuliert. Spätestens das würde das Klassement nochmals durcheinanderwirbeln.

Unterdessen beschrieb Boris Herrmann in seinem Blog auf www.NDR.de/Segeln seine Gedanken in einer Südpolarmeernacht auf See:

Dunkle Nacht. Außerhalb des Schiffes kann ich weder Sterne sehen, noch den Horizont ausmachen, ich kann nicht einmal den Bug erkennen. Ich gehe also unbekümmert und verschwenderisch mit elektrischem Licht um. Wir haben unseren Hydrogenerator im Wasser, der fleißig Strom produziert, den ich sogleich im Mast und in der Kabine mit unseren Lichtern wieder abfackeln kann.
Der Ozean präsentiert sich ausnahmsweise mal mit einer glatten Haut. Flaches Wasser ist immer ein Genuss, verleiht dem Segeln etwas von höherer Präzision, welche es bei rauer See nicht geben kann. Gemäßigte Ozeandünung hebt und senkt uns alle paar Minuten, wie ein ganz ruhiger Atem. Am höchsten Punkt ist auch jedes Mal der Wind am stärksten, in den Tälern zwischen den Dünungswogen geht er etwas zurück.
Ich sitze hier auf Habachtstellung. Wir haben alle Segel oben und unsere Yacht steht voll unter Dampf. Ich muss aufpassen, dass es nicht zu viel wird, wenn wir auf der Dünung angehoben werden, in höheren, frischeren Wind. Zu viel Wind könnte die Yacht aus dem Ruder laufen lassen, ausscheren lassen, so dass sie sich in den Wind dreht und weit auf die Seite legt. Das darf nicht passieren.

Weiter unter http://segel.blog.ndr.de/

Weitere Informationen und während des Rennens aktuelle Positionsmeldungen:
www.barcelonaworldrace.org
www.borisherrmannracing.com
www.breymaiersailing.com

Zwischenstand beim Barcelona World Race am Donnerstagvormittag (10. Februar):

1. Virbac-Paprec 3: Jean-Pierre Dick / Loïck Peyron (beide Frankreich) noch 13.432 Seemeilen
2. Mapfre: Iker Martínez / Xabi Fernández (beide Spanien) 489,7 Seemeilen zurück
3. Estrella Damm: Alex Pella / Pepe Ribes (beide Spanien) 521,5
4. Groupe Bel: Kito De Pavant / Sébastien Audigane (beide Frankreich) 723,2
5. Renault: Pachi Rivero / Antonio Piris (beide Spanien) 1.132,4
6. Mirabaud: Dominique Wavre / Michèle Paret (Schweiz/Frankreich) 1.603,5
7. Neutrogena: Boris Herrmann / Ryan Breymaier (Deutschland/USA) 1.713,2
8. GAES: Dee Caffari / Anna Corbella (Großbritannien/Spanien) 2198,2
9. Hugo Boss: Wouter Verbraak / Andrew Meiklejohn (Die Niederlande/Neuseeland) 2.205,9
10. Fòrum Marítim Català: Gerard Marín / Ludovic Aglaor (Spanien/Frankreich) 3.319
11. We are Water: Jaume Mumbrú (ESP) / Cali Sanmartí (beide Spanien) 3.488,4
12. Central Lechera Asturiana: Juan Merediz / Fran Palacio (beide Spanien) 3.512,8
Président: Jean Le Cam / Bruno García (Frankreich/Spanien) aufgegeben mit Mastbruch
Foncia: Michel Desjoyeaux / François Gabart (beide Frankreich) aufgegeben mit Mastbruch

Der Zwischenstand der Regatta mit den genauen Positionen der Teilnehmer ist mit Hilfe eines Fleettrackers im Internet unter www.barcelonaworldrace.com oder www.borisherrmannracing.com zu verfolgen. Viermal pro Tag werden die Positionsmeldungen über Satellit aktualisiert, und jeweils gegen 5, 10, 15 und 20 Uhr deutscher Zeit veröffentlicht. Täglich gibt es per Email einen aktuellen Bericht von Bord, mindestens einmal wöchentlich Fotos und ein Video von Boris Herrmann und Ryan Breymaier unterwegs.

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