„Neutrogena“ als Vierte durch NZL

Posted on 22.02.2011


BARCELONA/WELLINGTON. Sie sind die Rookies unter den hochseeerfahrenen Weltumseglern, und dennoch greifen Boris Herrmann und Ryan Breymaier 54 Tage nach dem Start des Barcelona World Race rund um den Globus das Podium an. Am Dienstagmorgen (22. Februar) Ortszeit hatte sich der 29-jährige Deutsche mit seinem Co-Skipper (35) aus den USA auf den vierten Platz der zwölf Teams vorgeschoben, die über 25.000 Seemeilen (46.300 Kilometer) nonstop von Barcelona nach Barcelona segeln. Das ist die beste Zwischenplatzierung seit der Straße von Gibraltar Anfang Januar. Die Crew der „Neutrogena“ passierte mit Neuseelands Hauptstadt Wellington auch zwei vor ihr liegende Yachten, die dort am Vortag zu Reparaturstopps eingelaufen waren und laut Reglement deswegen zwei Tage Zwangspause einlegen müssen.

Der nächste Gegner auf Rang drei heißt „Renault“ mit Pachi Rivero und Antonio Piris aus Spanien, der 15 Stunden später (Dienstagvormittag in Deutschland) allerdings fast 200 Seemeilen voraus segelte. Die in der Vorwoche überholte „Mirabaud“ des Schweizers Dominique Wavre und seiner französischen Frau Michèle Paret lag 65,2 Seemeilen zurück auf dem fünften Platz. Die Yachten haben im Südpazifik Kurs auf das legendäre Kap Hoorn im Süden Südamerikas genommen, das in etwa zwei Wochen erreicht werden könnte. An der Spitze des Felds ist ein spannender Zweikampf entbrannt. Nachdem die führenden Jean-Pierre Dick und Loïck Peyron mit der „Virbac-Paprec 3“ ebenfalls in Wellington gestoppt hatten, sind die spanischen Verfolger Iker Martinéz und Xabi Fernández mit der „Mapfre“ auf 73,4 Seemeilen herangerückt. Bis ins Ziel, wo die Boote ab Anfang April erwartet werden, sind allerdings noch mehr als 10.000 Seemeilen zurückzulegen.

Manches Mal hatten Herrmann und Breymaier in der ersten Hälfte des Rennens über Flauten geflucht, von denen sie oft länger „gut hatten“, als ihre Gegner. Doch in den Gewässern Neuseelands stand Rasmus ihnen Pate. Als die „Neutrogena“ Farewell Point, das äußerste Ende der Südinsel passiert hatte, war die schwache Brise, unter der die meisten Boote vor ihnen gelitten hatten, passé. Ein günstiger, nördlicher Wind nahm immer mehr zu. Zeitweilig mit 25 Knoten, also fast 50 km/h, rauschte die „Neutrogena“ unter großem Spinnaker und vollem Großsegel durch die Cook-Straße gen Pazifik.

„Wir konnten das Land nicht nur sehen, sondern auch riechen“, beschrieb der Hamburger Weltenbummler mit weiterem Sitz in München, dass er die erste Landnähe seit einem Monat mit allen Sinnen genossen hat. Die Landschaften der Nord- und der Südinsel kamen ihm wie ein weiteres Zuhause vor. Schließlich war Wellington vor zwei Jahren ein Etappenhafen beim Portimão Global Ocean Race, das er mit Felix Oehme sensationell gewonnen hatte. Herrmann: „Natürlich hätte ich unsere Gastfamilie von damals gerne wiedergesehen. Ich habe unterwegs auch mit Vater Mensell telefoniert. Aber über allem steht unser größtes Ziel, wirklich nonstop heil und so schnell wie möglich um die Welt zu kommen.“

Von dem schweren Erdbeben der Stärke 6,3 auf der Richter-Skala in Christchurch auf der Südinsel, bei dem Dienstagmittag Ortszeit, also mitten in deutscher Nacht, mehr als 60 Menschen ums Leben gekommen sein sollen, spürten die Segler auf hoher See nichts. „Wir waren geschockt, als wir die Nachricht am Morgen beim Radiointerview mit NDR 90,3 am Iridiumtelefon hörten“, sagte Boris Herrmann. Dabei lag das Epizentrum südwestlich der Großstadt im Pazifik nur rund 250 km Luftlinie entfernt. Später hatte die „Neutrogena“ mit einer neuerlichen Zwischenflaute südlich der Chatham-Inseln zu kämpfen, bei der sie etliche der zuvor herausgeholten Seemeilen gegen die nächsten Konkurrenten wieder verlor. Erst mit der Abenddämmerung setzte erneut eine bessere Brise ein und brachte das Boot mit zehn bis elf Knoten Fahrt zurück auf Kurs, während die „Mirabaud“ ihrerseits in totaler Flaute lag.

Trotzdem bahnt sich auch vom Ergebnis her ein Erfolg des jüngsten Duos unter den 14 gestarteten an, von denen zwei schon aufgeben mussten. Unter die besten Fünf wollen sie am Ende kommen, so lautete das sportliche Ziel vor der Abreise. „Nach der Wettervorhersage wussten wir sofort, dass wir zwei weitere Plätze aufholen können“, so Boris Herrmann, „das hat uns zusätzlich angespornt. Platz vier fühlt sich schon richtig gut an. Lange waren wir unsicher, ob nicht auch ‚Renault‘ stoppen würde, aber der Gewinn durch die vorteilhaften Bedingungen war sicher zu verlockend. Jetzt wollen wir sie jagen, schließlich haben wir Pachi und Toni im Training meistens geschlagen.“

Bereits in der Nacht zu Dienstag war vor Ort die endgültige Entscheidung an Bord gefallen, nicht in Wellington zu halten, sondern das günstige Wetterfenster optimal auszunutzen. „Ryan ist zum Check des gesamten Riggs in den Mast geklettert, und ich habe den Kiel unter Wasser abgetaucht“, berichtete Boris Herrmann von den Kontrollgängen, um das Risiko einer unerkannten Materialermüdung oder versteckter Schäden zu minimieren. „Wir hatten unterwegs auch schon das eine oder andere technische Problem zu lösen“, so der geborene Oldenburger vom Kieler Yacht-Club weiter, „aber einen Reparaturstopp nie ernsthaft in Erwägung gezogen.“

Dieser stand für Kito De Pavant und Sébastien Audigane schon eine Woche vorher fest, denn auf ihrer „Groupe Bel“ (Frankreich) waren zwei wichtige Spinnaker in plötzlichen Böen völlig zerrissen. Der Zweikampf mit den lange gleichauf liegenden Alex Pella und Pepe Ribes aus Spanien auf der „Estrella Damm“ schien verloren, ehe diese vor der Küste ein gebrochenes Vorstag zu beklagen hatten. Bis auf eine Minute zeitgleich machten die beiden roten Schiffe im Hafen fest und wurden von der Regattaleitung bis viertel nach 8 Uhr am Mittwochmorgen (23. Februar) vor Ort (20.13 und 20.14 Uhr deutscher Zeit am Vorabend) „an die Kette gelegt“.

Zähneknirschend mussten die beiden Mannschaften zusehen, wie nicht nur die „Renault“ und die „Neutrogena“, sondern schließlich auch noch die „Mirabaud“ an ihnen vorbeizog. Ob der Rückstand mit den reparierten Yachten aufzuholen sein wird, müssen die nächsten Tage und Wochen zeigen. Elf Stunden vor der Wiederaufnahme des Rennens betrug er auf Herrmann/Breymaier schon mehr als 100 Seemeilen. Die Frage gilt auch für die „erholte Virbac-Paprec 3“, die seit dem Re-Start zunächst vom Wetter benachteiligt wurde, und die „Mapfre“ der ehemaligen Olympiasieger im 49er, die einen „heißen Kampf um Platz eins“ ankündigten und ohne Halt durchsegelten.

„Wir rechnen mit gut zwei Wochen bis zum Kap Hoorn und dann wohl noch einen Monat nach Barcelona“, wagte Boris Herrmann eine vorsichtige Prognose der verbleibenden Regattazeit. Durch die wegen Treibeises verlängerte Route, auf der zudem noch schwächere Winde vorherrschen als erwartet, dürfte sich die ursprünglich kalkulierte Dauer je nach Platzierung um ein bis zwei Wochen oder sogar mehr verlängern.

Weitere Informationen und während des Rennens aktuelle Positionsmeldungen:

www.barcelonaworldrace.org

www.borisherrmannracing.com

www.breymaiersailing.com



3 Comments

  1. Ein schönes Video: wie leicht und artistisch Ryan auf dem Spi-baum(oder wie heißt das Ding) rumturnt! Wünsche Euch noch weitere Tage so ruhigen Segelns.Moritz

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  2. Doch noch eine Frage: was sind Rookies? Moritz

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  3. Rookies ist das amerikanische Wort für “Youngster” oder auf deutsch: “die Jüngsten2 oder “am wenigsten erfahrenen” . . .

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