„Neutrogena“ rundet Kap Hoorn mit Schaden am Kiel im Gepäck

Posted on 08.03.2011


BARCELONA. Um 12.45 Uhr haben Boris Herrmann und Ryan Breymaier am Dienstagmittag (8. März) mit ihrer Hochseesegelyacht „Neutrogena“ beim Barcelona World Race das legendäre Kap Hoorn im Süden Südamerikas gerundet. 68 Tage nach dem Start der Nonstop-Regatta rund um die Welt bog das deutsch-amerikanische Duo auf Platz vier im Zwischenklassement aus dem Pazifik in den Atlantik ab. Im Gepäck haben sie jedoch ein Handikap: Ein defekter Hydraulikzylinder des Schwenkkiels wird die „Neutrogena“-Crew auf der Heimreise zu defensiver Fahrweise zwingen. Rund einen Monat müssen Mensch und Material noch durchhalten, ehe sie im spanischen Start- und Zielhafen Barcelona zurückerwartet werden.

Ungeachtet der technischen Probleme an Bord feierten Herrmann und Breymaier den magischen Moment, der seit vielen hundert Jahren für Seefahrer aus aller Welt als Bezwingung des Olymps gilt. Ihr Chef Roland Jourdain und die gesamte Landmannschaft von Team Kaïros im französischen Concarneau waren in einer Videokonferenz live dabei, gratulierten mit Gejohle und handgeschriebener „Urkunde“, die ins Bild gehalten wurde. „Wir sind sehr stolz auf euch, haltet durch!“, wünschte Jourdain für die verbleibenden 6.911 Seemeilen.

Mit Filmkamera und Fotoapparat hielt die jüngste Mannschaft im Teilnehmerfeld auch selbst das Kap als imaginäre Grenze zwischen Southern Ocean und Südatlantik fest – bei strömendem Regen zwar, aber im Tageslicht, nachdem sich die erwartete Rundung einige Stunden verzögert hatte. Ein chilenisches Marineschiff war dort, und parallel passierte der französische Rekordsegler Thomas Coville mit seinem Maxi-Trimaran „Sodebo“ das Kap Hoorn. Keine zwei Bootslängen von der „Neutrogena“ entfernt überholte der Franzose mit seinem Mehrrumpfboot. Die Segler sprachen miteinander tauschten ebenfalls beste Wünsche aus.

Boris Herrmann über Satellit: „Das war nach einem Frachter am Morgen die erste Schiffsbegegnung seit Wochen. Der Augenblick war phantastisch, allein dafür lohnt haben sie die Strapazen gelohnt. Das Adrenalin schießt durch die Adern, macht schon jetzt Hunger auf ein Widersehen nächstes Jahr.“ Boris Herrmanns Ziel ist die Teilnahme an der Einhand-Weltumseglung Vendeé Globe 2012, für die er noch auf Sponsorensuche ist.

„Stolz, Genugtuung, aber auch Erleichterung“ – so spontan die wichtigsten Gefühle der beiden Kap Horniers. Für den geborenen Oldenburger war es nach 2009 bereits die zweite Umrundung. Damals hatte er seine erste Weltregatta, das Portimão Global Ocean Race, über fünf Etappen mit dem Hamburger Felix Oehme gewonnen; Breymaier dagegen freute sich diebisch, der erste Neuling am Hoorn im Feld der 24 Hochseeartisten auf zwölf noch im Rennen verbliebenen Booten zu sein. Zwei der 14 gestarteten Teams mussten aufgeben.

So schlimm soll es für die „Neutrogena“ nicht kommen, aber die Sorgenfalten auf der Stirn ihrer Skipper sind groß. Die Panne mit dem Schwenkkiel hatte sich bereits in der Vorwoche bei rauen Bedingungen im Südpolarmeer ereignet, nachdem zuvor beinahe Platz drei von der „Renault“ mit Pachi Rivero und Antonio Piris erobert worden war. Die Spanier rundeten Kap Hoorn 16 Stunden zuvor mit rund 180 Seemeilen Vorsprung. Das schlimmste eines Sturmtiefs schien am Donnerstagfrüh (3. März) schon überstanden, als die 18,29 Meter lange IMOCA Open 60-Yacht unter Selbststeueranlage bei Windstärke sieben von allein „die perfekte Welle“ fand und von dem zirka sechs Meter hohen Berg abhob, um umso heftiger wieder zu landen.

„Es war der härteste Aufprall während des Rennens bisher. Und danach hielt der Kiel plötzlich nicht mehr in seiner nach Luv ausgeschwenkten Position, sondern pendelte frei nach Lee“, berichtete Boris Herrmann. Sofort trat in der Bilge am Schwenkmechanismus Hydrauliköl aus. Während zweitägiger Reparaturversuche musste die Mannschaft „vom Gas gehen“, arbeitete Tag und Nacht in ständigem Telefonkontakt mit Technikern ihres Teams und des Herstellers „Hydroem“ in Frankreich.

Letztlich gelang es, das Problem soweit zu minimieren, dass bei gemäßigten Windbedingungen wieder voll gesegelt werden kann. „Wenn es aber ruppiger wird, besonders mit steilen Wellen, müssen wir das Risiko begrenzen, dass auch noch der zweite Hydraulikzylinder seinen Geist aufgibt.“ Denn die defekten inneren Dichtungen des ersten Zylinders sind unterwegs mit Bordmitteln nicht zu reparieren. „Es ist schwer zu sagen, wie stark uns das auf dem letzten Teilstück beeinträchtigen wird“, meinen die Skipper, „im Zweifel können wir jedoch nicht mehr auf Angriff segeln.“ Das Defizit im Leistungspotential könne zwischen null und 40 Prozent liegen.

Doch auch mit der lädierten Kielhydraulik hatte die „Neutrogena“ schon haarige Situationen zu überstehen. Am Sonntag (6. März) erlebte die Crew den vielleicht schwersten Sturm bisher in neuneinhalb Wochen auf See: 40 Knoten Wind im Durchschnitt, das ist Stärke acht bis neun. In der heftigsten Bö, die etwa eine Minute lang anhielt, zeigte das Windmessinstrument 62 Knoten an – fast voller Orkan! Die Wellen waren bis zu 15 Meter hoch. Herrmann: „Viermal wurden wir an dem Tag platt auf Wasser gedrückt. Doch anders als beim Boxen erlaubt sind wir auch nach vier Niederschlägen wieder aufgestanden.“

So wie alle Teilnehmer sehnten auch Boris Herrmann und Ryan Breymaier das Ende der Torturen im so genannten Southern Ocean herbei. Der Windschatten Südamerikas mit nordöstlichem Kurs in Richtung wärmere Gefilde ließ die Segler durchatmen. „Taktisch liegen jetzt aber wieder besonders anspruchsvolle Wochen vor uns“, so der 29-jährige Deutsche, „wir werden weiter kämpfen, obwohl das Hauptziel nun noch viel stärker als ohnehin schon lautet, nonstop heil in Barcelona wieder anzukommen.“ Dort wird die „Neutrogena“ nunmehr um den 10. April herum erwartet.

Die Entscheidung über den Gesamtsieg dürfte zwischen der seit vielen Wochen führenden „Virbac-Paprec 3“ mit den Franzosen Jean-Pierre Dick/Loïck Peyron und den Spaniern Iker Martínez und Xabi Fernández auf der „Mapfre“ fallen. Die Topfavoriten verteidigten bis Dienstagvormittag einen nur scheinbar komfortablen Vorsprung von 171 Seemeilen vor den ehemaligen Olympiasiegern im 49er, die mit besserer Brise am Südostrand des St. Helena-Hochdruckgebiets aufkommen. Deutlich ist jedoch der Rückstand der Verfolger. Bei der „Renault“ beträgt er mit fast 1.350 Seemeilen inzwischen rund fünf Tage.

Wie der Kampf um den dritten Podiumsplatz ausgehen wird, scheint indes noch völlig offen. Durch ihren zweitägigen Reparaturstopp in Neuseeland gestärkt holte die französische „Groupe Bel“ von Kito De Pavant und Sébastien Audigane zuletzt mit Riesenschritten auf, klagen inzwischen aber auch über ein Kielproblem. Die „Mirabaud“ des Schweizer Dominique Wavre, der wegen seiner an Blutarmut leidenden Frau und Co-Skipperin Michele Paret aus Frankreich seit mehreren Tagen im Sicherheitsmodus unterwegs ist, hat die „Groupe Bel“ schon im Kielwasser. Der Rückstand auf die „Neutrogena“ schwankte die Vortage und betrug am Kap Hoorn gut 90 Seemeilen.

Von Kap Hoorn und dem Heimweg dürfen die letzten beiden Boote im Feld im Moment nur träumen. Nach der mit gebrochenem Mast ihrer „Central Lechera Asturiana“ in Wellington eingelaufenen Juan Merediz und Fran Palacio (beide Spanien), die mit zweitägiger Reparaturzeit nicht auskamen, erwischte es auch Schlusslicht „We are Water“. Die Landsleute Jaume Mumbrú und Cali Sanmartí hatten schon vor der Einfahrt zur Cook-Straße, die die beiden neuseeländischen Hauptinseln trennt, bei schwerem Wetter hinter einer Insel Schutz suchen müssen. Jetzt werden Mut und Kraft getankt für die zweite Hälfte des Barcelona World Race, das somit bis Anfang Mai dauern dürfte.
(Ende)

Weitere Informationen und während des Rennens aktuelle Positionsmeldungen:
www.barcelonaworldrace.org
www.borisherrmannracing.com
www.breymaiersailing.com

Zwischenstand beim Barcelona World Race am Dienstagvormittag (8. März):

1. Virbac-Paprec 3: Jean-Pierre Dick / Loïck Peyron (beide Frankreich) noch 5.361,5 Seemeilen
2. Mapfre: Iker Martínez / Xabi Fernández (beide Spanien) 171,1 Seemeilen zurück
3. Renault: Pachi Rivero / Antonio Piris (beide Spanien) 1.346,8
4. Neutrogena: Boris Herrmann / Ryan Breymaier (Deutschland/USA) 1.549,8
5. Groupe Bel: Kito De Pavant / Sébastien Audigane (beide Frankreich) 1.641
6. Mirabaud: Dominique Wavre / Michèle Paret (Schweiz/Frankreich) 1.745,5
7. Estrella Damm: Alex Pella / Pepe Ribes (beide Spanien) 1.763,9
8. Hugo Boss: Wouter Verbraak / Andrew Meiklejohn (Die Niederlande/Neuseeland) 2.456,1
9. GAES: Dee Caffari / Anna Corbella (Großbritannien/Spanien) 2.622,6
10. Fòrum Marítim Català: Gerard Marín / Ludovic Aglaor (Spanien/Frankreich) 4.493,8
11. Central Lechera Asturiana: Juan Merediz / Fran Palacio (beide Spanien) 6.188,8
12. We are Water: Jaume Mumbrú / Cali Sanmartí (beide Spanien) 6.188,8
Président: Jean Le Cam / Bruno García (Frankreich/Spanien) aufgegeben mit Mastbruch
Foncia: Michel Desjoyeaux / François Gabart (beide Frankreich) aufgegeben mit Mastbruch

Der Zwischenstand der Regatta mit den genauen Positionen der Teilnehmer ist mit Hilfe eines Fleettrackers im Internet unter www.barcelonaworldrace.com oder www.borisherrmannracing.com zu verfolgen. Viermal pro Tag werden die Positionsmeldungen über Satellit aktualisiert, und jeweils gegen 5, 10, 15 und 20 Uhr deutscher Zeit veröffentlicht. Täglich gibt es per Email einen aktuellen Bericht von Bord, mindestens einmal wöchentlich Fotos und ein Video von Boris Herrmann und Ryan Breymaier unterwegs.

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