Das Abenteuer Nordostpassage nonstop nur unter Segeln ist geglückt, der Weltrekord steht! Der Hamburger Hochseesegler Boris Herrmann (34) hat den Nördlichen Seeweg von Murmansk/Russland entlang des arktischen Eises in die Bering-Straße geschafft.

Nach gut zwölf Tagen und 2.760 Seemeilen, mehr als 5.100 Kilometer, erreichte die sechsköpfige internationale Mannschaft des 30-Meter-Trimarans „Qingdao China“ unter Skipper Guo Chuan am Dienstagabend (15. September) um 18:48:24 deutscher Zeit das Ziel ihrer Herausforderung. Ein Sturm zum Auftakt zwang zum Umweg, und durch ein Nadelöhr im Eis zwischen Inseln ging es nur im Schritttempo vorwärts. Doch das Team meisterte das kaum befahrene Nordpolarmeer in Rekordzeit und setzte dabei Zeichen für Ökonomie und Ökologie sowie als Botschafter für Frieden und Sport.

China qingdao crew celebrating finish

„Ich bin unheimlich stolz, bei dieser Premiere dabei gewesen zu sein, und sehr dankbar, dass das Eis so gnädig zu uns war“, schrieb Boris Herrmann in einem ersten Resümee von Bord. Gleichzeitig habe es ihn nachdenklich gemacht, wie wenig Eis letztlich tatsächlich entlang der Route zu sehen war. „Wir wollen keine vorschnellen und pauschalen Rückschlüsse ziehen, aber der Klimawandel wirkte für uns geradezu greifbar“, so der Navigator, der den Zeitpunkt des Rekordversuchs auch auf Anraten des Elsflether Meteorologie-Professors Ralf Brauner gerade wegen der günstigen Eislage für September vorgeschlagen hatte.

Nur einmal war es unterwegs richtig eng geworden, an der nördlichsten kontinentalen Festlandstelle der Erde auf knapp 78 Grad nördlicher Breite, wo die Kommunikationssatelliten schon fast hinterm Horizont verschwinden. Das Kap Tscheljuskin gegenüber der Inselgruppe Swernaja Semlja passierte die Crew am fünften Tag im dichten Nebel durch die Wilkizkistraße. „Mit bloßen Augen war fast gar nichts zu sehen“, funkte Herrmann über Iridium, „aber auf dem Radar gab es ständig Signale. Einmal täuschte eine Regenfront eine Eiswand vor, dann wirkten Belugawale wie Growler, Eisbrocken so groß wie Kühlschränke.“

Doch plötzlich wurde der Navigator aus der Koje an Deck gerufen. Herrmann: „Das Boot trieb bei schwacher Brise 15 Meter vor einem Eisberg genau auf diesen zu. Der war halb so hoch wie unser Mast. Wir haben alle zusammen das Vorsegel back gehalten, um heil an dem Koloss vorbei zu kommen.“ Hinter den Ostsibirischen Inseln segelte die „Qingdao China“ nochmals an der Eisgrenze entlang. Das Wasser unter null Grad kalt, die Feuchtigkeit gefror an Tauen und Segeln. Die Gefahr, eingeschlossen zu werden, bestand jedoch kaum noch.

Nur Insider können beurteilen, wie hoch die bürokratischen Hürden gewesen sind, die es im Vorfeld und unterwegs zu überspringen oder umschiffen galt. „In der letzten Nacht auf See vor der imaginären Ziellinie beim Kap Deznev passierte uns ein russisches Kriegsschiff, ließ uns jedoch unbehelligt“, berichtete Herrmann. Die Staatspresse in Moskau schrieb, es habe die Segler eskortiert. Türöffner zum Durchfahren russischer Hoheitsgewässer war Mannschaftsmitglied Sergei Nizovtsev, ein ranghoher Funktionär, der „viele Stunden am Telefon verbrachte“, um diverse Landsleute zu besänftigen. Arved Fuchs, der die Nordostpassage 2002 im dritten Anlauf mit der „Dagmar Aaen“ unter Motor und Segeln bezwang, wurde vor zwei Jahren beim Wiederholungsversuch in Murmansk „festgesetzt“.

Dort war das Projekt „Arctic Ocean World Record Challenge“ als Botschafter der Friedensstiftung „Peace and Sport“ unter Schirmherrschaft von Prinz Albert von Monaco an einem geschichtsträchtigen Datum russisch-chinesischer Freundschaft gestartet. Am 3. September gedachten Militärattachés und Politiker dem 70. Jahrestag seit dem Ende des Faschismus mit dem Sieg über Japan. „Als Deutscher daran teilnehmen zu dürfen, war bewegend und ehrfürchtig“ so Herrmann, der die Zeremonie in der Nähe des legendären Eisbrechers „Lenin“ mit zwei roten Nelken in den Händen nachdenklich verfolgte.

Segen von ganz oben

Gesegnet vom nördlichsten orthodoxen Bischof mit typisch langem, weißen Bart und Weihwasser aus dem Essensnapf Nummer vier (Herrmann: „Das war meiner. Ihm gefiel mein russischer Vorname.“) stach die Crew in See. Raue See. Denn ein Sturm zwang das Team, statt nördlich der langgezogenen Insel Nowaja Semlja den längeren Weg südlich von ihr zu nehmen. „Der nur acht Tonnen schwere Renntrimaran hat sich aber bestens bewährt“, so der Regattasegler, „vor allem bei leichter Brise entpuppte er sich als wahre Windmaschine.“ Die ehemalige „Idec“ des Franzosen Francis Joyon hielt mit 57 Tagen und 13,5 Stunden viele Jahre die Bestzeit rund um den Globus.

Ein weiterer Meilenstein für Boris Herrmann

Nach vier Streckenrekorden mit der 70-Fuß-Einrumpfyacht „Maserati“ (San Francisco – Shanghai) und dem 103-Fuß-Trimaran „Lending Club“ allein in diesem Jahr, darunter zuletzt der prestigeträchtige Transpazifik-Regattaweg von Los Angeles nach Hawaii, bedeutet die Nordostpassage für den geborenen Oldenburger vom Kieler Yacht-Club einen weiteren Meilenstein in der seglerischen Laufbahn. 2008/09 gewann er mit Felix Oehme die Weltregatta Portimão Global Ocean Race; im Barcelona World Race 2010/11 für Zweimann-Crews nonstop um den Globus wurde Boris Herrmann mit Ryan Breymaier Fünfter. Dabei bezwang der Hochseerecke schon zweimal das Südpolarmeer (Southern Ocean).

Der noch zu ratifizierende Weltrekord auf der Strecke von Murmansk bis Providenjia soll auch auf die Chancen aufmerksam machen, die der kürzere Seeweg von Europa nach China der internationalen Berufsschifffahrt bieten könnte. „In Zeiten so billigen Rohöls interessiert sich da zwar meist kaum jemand für“, attestierte Boris Herrmann, doch das Pendel dürfte über kurz oder lang wieder umschlagen. Dass die Nutzung aller Weltmeere effizient und umweltschonend erfolgen müsste, sei dabei so selbstverständlich, wie es nicht oft genug wiederholt werden könne.

„Als mir Guo Chuan im Frühjahr seinen Plan präsentierte, hielt ich das noch für verrückt“, blickt der mit 34 Jahren Jüngste an Bord zurück. „Aber sein Mut und sein Pioniergeist sind begeisternd und ansteckend.“ Chuan war der erste Asiate überhaupt, der zunächst im Team, aber dann auch allein und ohne Stopp um die Welt gesegelt ist. Seitdem gilt der 50jährige in seiner Heimat Qingdao, die das Projekt maßgeblich finanziert hat, als Volksheld. Die Hafenstadt, die 2008 die Olympischen Segelwettbewerbe ausgerichtet hatte, ist Ziel der gesamten Reise. Dorthin sind es weitere 2.500 bis 3.000 Seemeilen, bis die „Qingdao China“ erstmals nach dem Rekord wieder anlegen wird. Boris Herrmann rechnet dafür nochmals zehn bis zwölf Tage und hofft, um den 26. September herum wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

 

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