Das hatten die meisten Segelexperten ihm lange Zeit nicht zugetraut. Der Hamburger Hochseesegler Boris Herrmann gehört bei der legendären Transatlantikregatta Route du Rhum weiter zur Spitzengruppe. Neun Tage nach dem Start in Saint-Malo lag der 37-Jährige am Montagvormittag (12. November) mit seiner 18 Meter langen Open-60-Yacht „Malizia Yacht Club de Monaco“ auf dem fünften Rang der IMOCA-Klasse. Es führte weiter der Brite Alex Thomson mit der „Hugo Boss“. In der Nacht von Freitag auf Sonnabend wird Herrmann im Zielhafen Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe in der Karibik erwartet.

Hier entstehen Strategie und Taktik von Boris Herrmann an Bord der “Malizia” – und seine hautnahen Berichte von der Route du Rhum

Mit einem Platz unter den besten fünf der Welt würde der erste Deutsche in der renommierten Bootsklasse bei dem alle vier Jahre stattfindenden Klassiker ein Ausrufezeichen setzen. Die meisten anderen Rookies mussten auch in diesem Jahr nach schwerem Wetter die Segel streichen oder liegen abgeschlagen viele hundert Seemeilen zurück. Von 20 gestarteten Open 60 sind nur noch zwölf dabei. Herrmann hatte mit kleineren Materialschäden zu kämpfen, die ihn zwischenzeitig etwas zurückwarfen, er aber unterwegs selbst reparieren konnte. Der Härtetest zwei Jahre vor dem Start der Vendée Globe nonstop allein um die Welt ist bisher mit Bravour bestanden.

„Zunächst einmal bin ich froh und stolz, dass meine ungewöhnliche Route aufgegangen ist“, schrieb der Skipper von Bord der „Malizia“. Er hatte in der Mitte des Rennens den nördlichsten Weg aller Konkurrenten eingeschlagen und drohte, durch einen Keil des Azorenhochdruckgebiets mit flauen Winden blockiert zu werden. Hochkarätige Beobachter sahen „the German“, der das Feld am Freitag sogar über mehrere Stunden angeführt hatte, komplett ins Hintertreffen geraten. Doch sie irrten, und der wetterkundige Navigator behielt Recht.

Auch auf der “Malizia” wurden die Bedingungen übers Wochenende moderater.

Rund 1.600 von insgesamt 3.542 Seemeilen vor dem Ziel hatten sich Bedingungen in den typischen nordöstlichen Passatwinden für das Spitzenquintett im Vergleich zur Vorwoche radikal verbessert. Tagsüber in Shorts und T-Shirt statt im Überlebensanzug, so die persönliche Garderobe. Und die Yachten trugen je nach Windeinfallswinkel von hinten Gennaker oder Spinnaker: Champagnersegeln – bei isotonischen Getränken und Astronautennahrung.

Lecker Mittagessen auf hoher See

„An Bord wird die ganze Ausrüstung nach und nach getrocknet“, berichtete Herrmann, „auch das trägt zur guten Laune der Besatzung bei.“ Erschöpfung sei während der stürmischen Tage ein gravierendes Problem gewesen. „Schlafen war fast unmöglich, als das Schiff bockig von Welle zu Welle gesprungen ist.“ Inzwischen seien die Bedingungen moderat, obwohl durch Windschwankungen weiter volle Konzentration beim Trimmen der „Malizia“ gefordert sei.

20,8 Knoten – die Passatwinde machen es endlich wieder möglich.

Und am Ende der 6.660 Kilometer wartet noch eine große taktische Herausforderung. Denn vor dem Ziel müssen die Teilnehmer von Osten kommend zunächst noch um den westlichen Teil der Insel von Guadeloupe herum segeln. Oft herrscht auf der Windschattenseite nur eine schwache Brise, die das Klassement noch einmal durcheinander werfen kann. Manch scheinbar komfortabler Vorsprung ist auf den letzten Seemeilen wie Sand durch die Finger zerronnen.

So ging es in der Nacht zu Montag dem Franzosen François Gabart auf seinem Riesen-Trimaran „Macif“. Fast das ganze Rennen hatte der Youngster teils mit mehr als 100 Seemeilen Vorsprung geführt, konnte Routinier Francis Joyon mit der „IDEC Sport“ jedoch nie ganz abschütteln. Am Ende wurde es ein dramatischer Flautenpoker in der Ultime-Klasse, den der 62-Jährige ganze sieben Minuten und acht Sekunden eher beendete und mit einen neuen Streckenrekord von sieben Tagen und 14 Stunden für sich entschied.

Bei einer solchen Entwicklung erscheinen auch die Zwischenabstände in der IMOCA-Klasse absolut vorübergehend. Allein Thomson dürfte vor allem durch seine Bootsgeschwindigkeit mit 115 Seemeilen vor Paul Meilhat auf der „Sma“ nur noch schwer zu schlagen sein. Vincent Riou auf der „PRB“ und Yann Elies mit der „Ucar – Saint Michel“ (alle Frankreich) weitere zehn und 35 Seemeilen zurück, werden sich voraussichtlich noch einen harten Kampf um das Podium liefern. Und Boris Herrmann, 190 Seemeilen hinter dem Führenden, wird als Verfolger aufmerksam beobachten, wo die Fallen auf den letzten Metern liegen.

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