Boris Herrmann: Der 28-jährige Kieler berichtet für YACHT online von seinen Eindrücken nach dem ersten Härtetest auf seinem neuen Open 60 “V1”

(21.05.2010) Seit März präpariert er zusammen mit Co-Skippier Ryan Breymaier die ehemalige “Veolia” fürs Barcelona World Race – zunächst an Land, dann vor der Küste. Jetzt war Boris Herrmann erstmals auf Probetörn im Atlantik. Sein Fazit: “ein Privileg!”

Hier Boris Fazit:

“Wie bereitet man sich optimal auf ein großes Rennen vor? Ideal wäre natürlich, zahlreiche Regatten zu segeln, doch leider gibt es diesen Sommer fast keine für unsere Bootsklasse – die Open 60.

Apropos Open 60. Sie ist für mich ein Mythos – konzipiert dafür, einhand nonstop um die Welt zu segeln. Boote, die zwischen 5 und 6 Meter breit sind und mit 15 Knoten Durchschnitt in 84 Tagen die Erde umrunden. Mit großer Freue nehme ich das Mandat an, als erster Deutscher ein Exemplar dieser Ozean-Königsklasse zu segeln.

Zurück zu unserer Jungfernfahrt. Die Idee war simpel: wir stechen zu zweit zehn Tage in See und versuchen, so schnell wie möglich zu den Azoren und zurück zu segeln, um herauszufinden, wo wir stehen. Kommen wir überhaupt zu zweit mit dem Gefährt zurecht? Wo haben wir oder das Schiff die größten zu erschließenden Potentiale, wo liegen die größten Defizite?

Was für eine phantastische Situation: Wir haben acht Monate Zeit mehr oder weniger zur freien Verfügung fürs Training. Plus: ein gutes Team im Hintergrund, so dass wir uns wirklich konzentrieren können.

Um das eigentliche Segeln herum gibt es stets Tausende möglicher theoretischer Fragen und Arbeitsbereiche, wie Datenerfassung zur Segeloptimierung und Wetterrouting, Funkfrequenzen, um Satellitenbilder zu empfangen, Einstellungen der Autopiloten und Kalibrierung der Instrumente. Nach dem ersten Monat ungestümer Arbeit in allen Bereichen war ein Cut genau das Richtige.

In See stechen und wertvolle praktische Erfahrung sammeln.

Fazit: Der Open60 ist gefühlt doppelt so schnell, wie die Beluga Racer, die ja auch schon schnell war ;-). Im Ernst: Ich habe den Eindruck, dass wir selten langsamer als der Wind segeln. Sprich: bei 20 Knoten Wind segeln wir auch 20 Knoten usw.

Am Wind sind es 10 Knoten, direkt vor dem Wind 18. Halbwinds oder bei Winden schräg von achtern (100 Grad TWA) entfaltet die Yacht eine unglaubliche Energie und prescht wie wild durch die See.

Instinktiv drehe ich den Kopf zu Seite zum Schutz vor überkommender Gischt. Diese haut so herb gegen meinen Kopf, dass ich Angst habe, mein Trommelfell könnte platzen. Doch das beste an einem Open60 im ist der Autopilot, der bei diesen Bedingungen erst richtig in Laune kommt. Er hält die Yacht bei 4 Meter hoher Dünung und rauer See, Böen usw mit weniger als 10 Grad Kursabweichung auf einem konstanten Winkel zum Wind.

Steigt man in die dahinterstehende Technik näher ein, kann einem schwindelig werden. Gerechnet wird mit 25 Hertz in einem gekühlten Prozessor der per Netzwerkkabel mit anderen Instrumenten und Rechnern verbunden ist (alle Daten, Wind, Speed, Kurs usw. werden in 25 Hertz digital gemessen und verarbeitet).

Herzstück des Wunderwerkes ist ein fingernagelgroßer Silikonbaustein, ein sogenannter Motion Sensor, der auf Mikrotechnologie basiert und Beschleunigungen, Neigewinkel und Megnetfeld in X,Y und Z Achse misst (9 Messdaten, zuzgl Wind, Speed, Luftdruck, -Temperatur, -Feuchte, Position usw, die alle in die Berechnung des wahren Windwinkels einfließen).

Kurzum, die Wunder der Technik halten unser Segelboot auf Kurs, während wir uns in Deckung vor der Gischt begeben, oder drinnen vor dem PC sitzen.

In einer Nacht heizen wir besonders über die See und ich beginne für die kommenden Stunden neugierig die Entwicklung der Durchschnittsgeschwindigkeit zu verfolgen. Ich fühle mich dabei an den kleinen Jungen erinnert, als der ich damals mein erstes Mountainbike bekam und zu Beginn unentwegt auf den Fahrradcomputer starrte, um zu sehen welcher Wunder mein neues Fahrrad denn fähig war… 30 Kmh Spitze, etwa so schnell, wie wir im Durchschnitt um die Welt zu segeln hoffen.

Doch acht Tage, die wir letztendlich auf See verbringen, lassen auch Zeit für anderes als Speed und Staunen. Drei graue Tage auf der Rückseite des Hochdruckgebietes, welches wir umsegeln, erinnern mich an den großen Süden. Seevögel begleiten uns im Kielwasser. Basstölpel. Sie ähneln ein wenig den großen Albatrossen, sie schweben in der enormen Dünung, die von einem Tief weiter im NW heranrollt.

An Bord ist Zeit abzuschalten. Ich habe kein Buch, keine Musik, keinerlei Ablenkung. Ich genieße es, zwischendurch dazusitzen und nichts zu tun oder zu denken. Entspannung .

„Quelle bonheur“ denke ich vielmehr, denn ich sinniere mittlerweile manchmal in Französisch oder Englisch.

Wir kommen nicht umhin uns des Privilegs bewusst zu sein, diese phantastische Maschine über den Ozean zu jagen und das als unseren Beruf bezeichnen zu können, ein Beruf, der Muskeln und Intellekt anspricht.

Zwischendurch sitzt man drinnen vor enormen Exceltabellen und vergleicht bestimmte Messdaten, genauer gesagt mit den Rudimenten meiner Statistikkentnisse aus dem Studium versuche ich Ryans Kritik bestimmter Kalibrierungsdaten der Windinstrumente zu widerlegen oder zu bestätigen.

Wir können die Messdaten des Instrumentensystems (164 Variablen, wie Windrichtung, Geschwindigkeit usw.) in 25 Hertz nach Excel exportieren. 20 Minuten ergeben eine 5 MB große Exceltabelle. In einer flauen Nachtwache versuche ich dann zB die Krängung mit der Kompassabweichung statistisch über die letzten 100 Stunden in Zusammenhang zu bringen.

Felix als Ingenieur könnte sich hier mehr austoben als auf der Beluga Racer, wir hätten sicher nicht nur Maxsea sondern auch Mathlab auf unserem Bordrechner. Doch dann klettert man ins Cockpit, weil man merkt, dass das Schiff zu sehr krängt und fiert den Traveller, Holt die Genua etwas dichter und ändert den Kurs ein wenig, alles aus dem Bauch heraus, man segelt, ganz wie mit einer Jolle, nach Gefühl und Intuition.

Zahlen rutschen in weite Ferne, nichts ist wirkungsvoller als unser Nervensystem mit akkuratem Empfinden von Neigung, Beschelunigung und Rotation, Informationen, die unser Hirn glaube ich permanent mitplottet, während wir segeln, während wir schlafen, während wir mit Excel spielen.”

Das Interview mit Boris Herrmanns über seinen Start beim Barcelona World Race 2010/11 lesen Sie in YACHT 13-2010, ab 26. Mai am Kiosk.

Yacht Online: http://www.yacht.de/yo/yo_news/powerslave,id,9329,nodeid,33 .

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