Ryan schläft. Er hat Freiwache. Es ist hier morgens, bei euch abends. Draußen grau und windig, drinnen in der Kajüte trübes Licht. 14 Grad. Gute Stimmung, zumindest bei mir. Völlig an die Bedingungen gewöhnt: Dahinbrettern mit 22 Knoten, in dieser Höhle leben, der ohrenbetäubende Lärm, die Zweisamkeit, der Rhythmus von zweimal drei Stunden Schlaf nachts und ansonsten unser normales Wachleben. Es ist jetzt 9.30 Uhr und Zeit, Ryan zu wecken. Wir sind übereingekommen, die Zeiten rigoros einzuhalten, damit immer 4 Augen das Vorankommen überwachen. Doch gerade jetzt geht der Wind etwas runter.

Ich werde also gleich noch mal auf den Histographen im Navigationsprogramm schauen, ob es eine signifikante Tendenz ist (Signifikanzniveau mehr als 3 Prozent). Werde mir meine Ölhose überziehen, barfuss in meine neoprengefütterten Stiefel steigen, die Manschetten ignorieren, weil ich nicht vor habe aufs Vordeck zu gehen. Dann stülpe ich mir die schwere, nasse Öljacke über, Armbändchen, Kapuze. Nachts käme dann noch die Stirnlampe hinzu. Der Wind nimmt in der Tat ab. Ich muss ein Reff „ausschütten“, wie man ja so sagt. Also das Großsegel vergrößern.

Ich öffne die gut verschlossene Kajüttür, die wie eine Schotttür im Film „Das Boot“ aussieht, mit lauter Handgriffen ringsrum. Ich steige hinaus und schließe die Tür hinter mir, damit keine Wasser, kein Salznebel in die Kajüte weht. Draußen werde ich begrüßt: Frische Luft und kaltes Wasser direkt in die Visage, immer wieder, volle Pulle. Nun ein paar routinierte Handgriffe: Reffleine Lösen, Cunningham lösen, Fall auf Winsch legen, und dann ordentlich Gas geben. Eine Minute dauert das heute, vielleicht manchmal auch fünf, je nach Tagesform und Winkel zum Wind. Dann ist das Großsegel eine Nummer größer und wir kommen wieder unserer Sollgeschwindigkeit näher, der alles bestimmenden Zielmarke an Bord, der Polarrate.

Jetzt sind wir bei 89 Prozent, was nicht schlecht ist. Aber mit der Reffaktion sollten wir auf 94 Prozent kommen. 100 schaffen wir im Moment irgendwie nicht, ich glaube das liegt an einem Messfehler der Windinstrumente. Die Polarrate ist ein Maß für das Ausschöpfen des Speedpotentials bei der aktuellen Windstärke. Wird der Wind zu stark angezeigt, kommen wir natürlich nie auf 100 Prozent. Aber wir versuchen es ständig. Wir trimmen hier und da etwas die Schot und hier und da und immer fort – am Ende sind wir nun schon auf Platz vier gelandet. Mal sehen was noch kommt.

Windige, herzlich Grüße aus dem Pazifik

Euer Boris

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Videokonferenz von gestern Mittag:

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Zwischenstand beim Barcelona World Race am Samstag (26. Feb, 03.00 Uhr):

1. Virbac-Paprec 3: Jean-Pierre Dick / Loïck Peyron (beide Frankreich)

2. Mapfre: Iker Martínez / Xabi Fernández (beide Spanien) 14 Seemeilen zurück

3. Renault: Pachi Rivero / Antonio Piris (beide Spanien) 1.188

4. Neutrogena: Boris Herrmann / Ryan Breymaier (Deutschland/USA) 1.253

5. Mirabaud: Dominique Wavre / Michèle Paret (Schweiz/Frankreich) 1.424

6. Groupe Bel: Kito De Pavant / Sébastien Audigane (beide Frankreich) 1.747

7. Estrella Damm: Alex Pella / Pepe Ribes (beide Spanien) 1.801

8. Hugo Boss: Wouter Verbraak / Andrew Meiklejohn (Die Niederlande/Neuseeland) 1.902

9. GAES: Dee Caffari / Anna Corbella (Großbritannien/Frankreich) 1.989

10. Fòrum Marítim Català: Gerard Marín / Ludovic Aglaor (Spanien/Frankreich) 3.281

11. Central Lechera Asturiana: Juan Merediz / Fran Palacio (beide Spanien) 3.587

12. We are Water: Jaume Mumbrú (ESP) / Cali Sanmartí (beide Spanien) 4.371

Président: Jean Le Cam / Bruno García (Frankreich/Spanien) aufgegeben mit Mastbruch

Foncia: Michel Desjoyeaux / François Gabart (beide Frankreich) aufgegeben mit Mastbruch

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