Ich versuche mal etwas zu tippen. Gar nicht so einfach, bei den Bedingungen hier. Wir haben 30 bis 40 Knoten Wind und fahren mit 20 bis 28 Knoten Speed ueber eine ziemlich raue See. Jedenfalls vermute ich dass sie rau ist – sehen kann man nichts. Aber ich werde gehörig hin und her gerüttelt. Nicht nur aus dem Grund versuche ich mich in denn Navistuhl zu pressen, auch weil das den Rücken wärmt. Dick und deutlich sieht man den Atemdunst. Die Finger sind steif und kalt, ich bräuchte eine Jacke – aber die ist nass. Ich könnte meinen Überlebensanzug anziehen, aber irgendwie versuche ich die nächsten zwei Stunden hier auszuharren und hoffe, dass ich nicht raus muss.

Angemessener könnten die Bedingungen vielleicht nicht sein für den entlegensten Punkt der Erde, den Punkt, der am weitesten von allem Land entfernt ist: “Point Nemo”. Ich krampfe etwas, weil das Schiff sich auf einem Wellenkamm verneigt und zu einem seitlichen Sprung ansetzt. Freier Fall und Beschleunigung, wildeste Geräusche. Alles hält, fragt sich nur wie lange die Nerven das mitmachen und wann sich vom Stress der Magen umdreht. Etwas mulmig ist mir schon. Na gut, also zurück zum Thema: Point Nemo befindet sich bei den Koordinaten 48° 50′ 0″ S, 123° 20′ 0″ . Von hier sind es bis zum nächsten Land 2.688 km (1.451 nautische Meilen), bis Ducie (Teil der Pitcairninseln) im Norden, Motu Nui (Teil der Osterinseln) im Nordosten und Maher-Insel (nahe der Küste des Marie-Byrd-Land, Antarktis) im Süden. Die Chatham-Insel liegt weiter westlich und das südliche Chile befindet sich im Osten. Paradoxerweise haben wir genau hier seit langem mal wider unserer Positionslaternen eingeschaltet, weil wir Angst vor einer Kolli… (festhalten, 27 Knoten!!!!!) …sion mit Renault haben. Nur 13 Meilen trennen uns.

Für die nächsten zwei Tage erwarten wir einen Sturm. Den ersten richtigen Sturm dieser Tour.

Schönen Tag und liebe Grüße vom Point Nemo!Boris

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Soweit der neuste Blogeintrag, den Boris gestern Nachmittag verfasst hat. Ich hatte mich schon darauf eingestellt, heute früh einen kollossalen dritten Platz zu vermelden – aber über Nacht mussten “Neutrogena” und “Renault” halsen und jetzt hat letztere wieder 29 Meilen Vorsprung.

“Virbac Paprec 3” befindet sich inzwischen im Anflug auf “Kap Hoorn”, sollte morgen Abend schon ganz in der Nähe sein. “Mapfre” folgt mit knapp 90 Meilen Distanz.

Wie Boris schreibt, wird der Wind für sie im Verlauf des heutigen Tages immer weiter aufdrehen, bis auf Sturmstärke. Etwas südlich der “Neutrogena” ist bereits jetzt Wind mit 54 Knoten (10 Windstärken, an der Grenze zu 11!) vorhergesagt. Es werden also zwei Harte Tage für Boris und Ryan.

Ryan hat heute früh folgenden Text geschickt:

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Wir haben uns schon vor einigen Tagen entschieden im herannahenden Tiefdruckgebiet nichts zu riskieren, denn wir wissen, dass es die letzte große Hürde wird, bevor wir zurück in den Atlantik gelangen.

Trotzdem: Egal wie weit wir die Segel reduziert haben, das Boot wurde immer und immer schneller – fast so, als wollte sie “Renault” unbedingt schnappen.

Gestern haben wir den Tag mit zwei Reffs im Groß und dem Solent verbracht und unter Deck versucht Kraft zu tanken. Topspeed war dennoch 30.3 Knoten. Unter Autopilot!

Seitdem hat der Wind wieder etwas abgenommen, wir haben ein Reff ausgeschüttet und die Genua gesetzt. Wir surfen mit 27 Knoten bei 25 Knoten Wind

Es ist schon witzig: Wenn wir langsam machen, macht es dem Boot sehr viel Spaß schnell zu fahren. Wenn wir versuchen alles aus ihm heraus zu holen, ist es echt schwer es auf Geschwindigkeit zu bekommen.

Wie auch immer – wir liegen jetzt genau auf Kurs zum nächsten Gate, danach kommt das große Kap. Es sieht so aus, dass wir für drei Tage den gleichen Kurs behalten werden. Dann eine Halse und weiter mit Nordwestwind die chilenische Küste hinunter. In etwa sechs Tagen werden wir in den Atlantik gelangen.

Hoffentlich können wir unser Baby dann endlich mal vernünftig trocknen.

Ryan

(Foto: Chris Cameron)

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Zwischenstand beim Barcelona World Race am Mittwoch (02. März, 11.00 Uhr):

1. Virbac-Paprec 3: Jean-Pierre Dick / Loïck Peyron (beide Frankreich)

2. Mapfre: Iker Martínez / Xabi Fernández (beide Spanien) 88 Seemeilen zurück

3. Renault: Pachi Rivero / Antonio Piris (beide Spanien) 1.378

4. Neutrogena: Boris Herrmann / Ryan Breymaier (Deutschland/USA) 1.407

5. Mirabaud: Dominique Wavre / Michèle Paret (Schweiz/Frankreich) 1.603

6. Groupe Bel: Kito De Pavant / Sébastien Audigane (beide Frankreich) 1.876

7. Estrella Damm: Alex Pella / Pepe Ribes (beide Spanien) 1.956

8. Hugo Boss: Wouter Verbraak / Andrew Meiklejohn (Die Niederlande/Neuseeland) 2.307

9. GAES: Dee Caffari / Anna Corbella (Großbritannien/Frankreich) 2.465

10. Fòrum Marítim Català: Gerard Marín / Ludovic Aglaor (Spanien/Frankreich) 4.104

11. Central Lechera Asturiana: Juan Merediz / Fran Palacio (beide Spanien) 4.311

12. We are Water: Jaume Mumbrú (ESP) / Cali Sanmartí (beide Spanien) 4.928

Président: Jean Le Cam / Bruno García (Frankreich/Spanien) aufgegeben mit Mastbruch

Foncia: Michel Desjoyeaux / François Gabart (beide Frankreich) aufgegeben mit Mastbruch

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