Den Moment beim Blick auf die Tabelle am vierten Tag der Hochseesegelregatta Route du Rhum würde Boris Herrmann sicher gerne einfrieren: Nach rund 1000 Seemeilen lag der Hamburger mit seiner 18-Meter-Rennyacht „Malizia Yacht Club de Monaco“ am Donnerstagvormittag (8. November) auf Rang zwei der IMOCA-Klasse. Einzig der Brite Alex Thomsen war auf der „Hugo Boss“ noch gut 60 Seemeilen voraus. Dabei profitierte der 37-Jährige vom nordwestlichsten Kurs im durch Ausfälle reduzierten Feld. Die Strategie steht zum Wochenende auf dem Prüfstand, wenn das Azorenhochdruckgebiet umfahren und die Passatwinde möglichst schnell erreicht werden müssen. Bis ins Ziel vor der Karibikinsel Guadeloupe sind es noch rund 2.500 Seemeilen, wo er Ende kommender Woche erwartet wird.

Raue Bedingungen auf dem Nordatlantik – Die ‘Malizia’ komplett in Wasser getaucht. Foto : Jean-Marie LIOT – www.jmliot.com

„Ja, das ist Super-Gefühl! Und ich glaube, diese Route kann noch was…“, schrieb Boris Herrmann aus dem Navigator-Sitz, von wo aus er die Wetterentwicklung analysiert. Über Nacht hatte er jede Menge Meilen gut gemacht und sowohl Paul Meilhat auf der „Sma“ als auch Vincent Riou mit der „PRB“ (beide Frankreich) auf die Plätze verwiesen. Das Momentum motiviere ihn zusätzlich. An Bord sei alles okay, aber die Bedingungen immer noch rau, so die wichtigste Info zur großen Erleichterung seines Teams an Land und der vielen Segelfans.

Die ersetzte Befestigung der Fock 3 (unter der Trommel) – Foto Boris Herrmann

Sie hatten am Mittwoch im Rennverlauf auf dem Tracker erneut einen ungewöhnlichen Schlenker der „Malizia“ ab vom idealen Kurs bemerkt. „Ich hatte ein paar kleinere Reparaturen, für die ich eine Weile abdrehen musste“, erklärt der Soloskipper. Zum einen hatte sich durch gerissene Leinen, die das Segel am Großbaum halten (Lazy Jacks), im dreifach gerefften Groß viel Spritzwasser gesammelt, das er loswerden musste. Zum anderen war die Befestigung der kleinsten Fock 3 an Deck gebrochen. Aber auch das bekam der geborene Oldenburger ohne Folgeschäden durch das auswehende Vorsegel neu angebunden.

Im gerefften Großsegel hat sich Wasser gesammelt (Pfeil), das “ausgekippt” werden muss. Foto: Boris Herrmann

Andere Teilnehmer wurden von schweren Sturmböen der Windstärke zehn härter erwischt. So musste die zurzeit wohl beste Hochseeseglerin der Welt, Samantha Davies aus Großbritannien, das Rennen aufgeben, nachdem der Rumpf ihrer „Initiatives-Coeur“ delaminierte und auseinanderzubrechen drohte. Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke war mit der „Monin“ nach einem Mastbruch bereits am Montag ausgeschieden wie auch der Topfavorit Jérémie Beyou mit Problemen an der Steueranlage der „Charal“.

Leinenchaos im Cockpit während Reparaturen – Foto Boris Herrmann

Bei den größten Booten, den Trimaranen der Ultime-Klasse, gab es sogar eine Seenotrettung. Armel Le Cléac’h war mit der „Banques Populaire“ gekentert, als einer der drei Rümpfe in schwerer See abbrach. Der Franzose wurde von einem Fischtrawler aufgenommen. Der Tri schwimmt derzeit kopfüber mitten auf dem Atlantik und soll bei einer Wetterberuhigung von einem Bergungsschiff an Land geholt werden. Zuvor hatten bereits zwei weitere Kontrahenten mit abgebrochenem Bug und angebrochener Querverbindung zwischen den Rümpfen aufgegeben.

Bereits vier Tage nach dem Start gilt die 11. Route du Rhum als eine der härtesten in der 40-jährigen Geschichte des Hochseeklassikers. Die Regattaleitung hat bereits das Zeitfenster für den letzten Zieldurchgang auf den 7. Dezember erweitert, weil etliche Teilnehmer der kleineren Bootsklassen in französischen und spanischen Häfen Schutz vor den Sturmfronten gesucht haben und das Rennen teils mit mehreren Tagen Verzögerung wieder aufnehmen wollen.

Hang loose – alles okay an Bord der “Malizia Yacht Club de Monaco” von Boris Herrmann per Selfie.

Dagegen wird der Sieger der Ultime-Klasse bereits Anfang nächster Woche in Pointe-à-Pitre erwartet. Zur Halbzeit führte der Franzose François Gabart mit der „Macif“ rund 120 Seemeilen vor seinem Landsmann Francis Joyon auf der „Idec Sport“, mit der Boris Herrmann schon einmal um die Welt gesegelt ist. Dessen Motto auf dem Nordatlantik: „Ein Tag nach dem anderen, und vor allem heil ankommen.“ Sein erstes Einhand-IMOCA-Rennen sei schließlich ein Härtetest für 2020/21, wenn es als erster Deutscher bei der Vendée Globe nonstop rund um den Globus gehen soll.

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